Abschlussbericht Projekt Koloniebildung (1999)

IV. Skizze zu einer Geschichte der Selbstorganisation der deutsch-türkischen Minderheit von Hannover

Die 90er Jahre

Am 19. April 1990 trat der erste, durch Direktwahl legitimierte Ausländerbeirat der Stadt Hannover zu seiner konstituierenden Sitzung zusammen.[1] Damit fand ein zweijähriges Tauziehen um das Recht auf Direktwahl des Beirat sein Ende. Zwar hatte der Rat schon im Dezember 1988 mit den Stimmen von SPD, FDP und GABl die Direktwahl beschlossen, doch blockierten Stadtverwaltung und Bezirksregierung mit Einsprüchen die Ausführung. Deren zäher Widerstand konnte nur durch zahllose Nachbesserungen beseitigt werden, wodurch das zu schaffende Gremium fast alle ihm ursprünglich zugedachten Befugnisse jenseits der beratenden Funktion einbüßte.[2]

Trotzdem bildete die (Wieder-)Einführung des Ausländerbeirates (AB) einen wichtigen Wendepunkt in der Geschichte der deutsch-türkischen Minderheit in der Stadt. Denn schon bei der Aufstellung der Wahllisten bildeten sich völlig neue Bündnisse, die vom klassischen links/rechts-Schema wegführten. Wichtigstes Ergebnis war eine starke Aufwertung der Rolle der Moscheen, die mit ihrer gemeinsamen Liste „Gemeinschaft der Mitte“ (GdM) die stärkste Fraktion im AB wurden. Bei der Neuwahl 1992 konnte die GdM ihre Führungsposition sogar noch ausbauen.[3] Die Kandidatenliste der GdM liest sich wie ein Who-is-who der Moscheevorstände: İrfan Şengül (Islamischer Verein / Weidendamm), Celal Mermertaş (Türkisches Kulturzentrum / Fössestraße), Ahmet Karakaş (Islamisches Familienzentrum in Hannover / Kornstraße), Yusuf Oral (Islamisches Kulturzentrum Hannover / Gerberstraße), Cafer Yalnızyasar (Islamische Union in Hannover / Kornstraße) usw. Ungewöhnlich war allein schon die Zusammenarbeit der ansonsten eher untereinander zerstrittenen Moscheevereine auf einer Liste. Noch ungewöhnlicher jedoch war ihr außerordentlich gutes Abschneiden, wenn man die Ergebnisse mit denen einer anderen Liste vergleicht: Unter dem unspezifischen Listennamen „Ausländische Arbeitnehmergemeinschaft“ waren die rechten bis rechtsextremen Vertreter wie Mehmet Genç und Mehmet Dağdelen angetreten und durchgefallen — nur der damals erst 21 Jahre alte Ali Türk erhielt auf dieser Liste einen Sitz im AB.[4]

Erfolgreicher waren dagegen zwei lokal bekannte Freiberufler, Rechtsanwalt Adnan Kuybu und Architekt Mehmet Gül, die als konservative Zwei-Personen-Wahlliste „Türken in Hannover“ angetreten waren und immerhin 10 Prozent aller Stimmen — also auch die anderer Nationalitäten — auf sich vereinigen konnten. Adnan Kuybu wurde schließlich sogar Vorsitzender des AB.[5]

Während im rechten bis religiösen Lager also erst der Wahlausgang klärte, daß die alten Politikmuster nicht mehr recht funktionieren und daß die örtliche Lebenswelt an Gewicht gewonnen hatte, war dies im linken Lager schon mit der Aufstellung der beiden internationalen Listen „Internationale Demokratische Ausländerliste“ (IDEAL) und „DGB — Internationale Liste“ deutlich geworden. An die Stelle der Fixierung auf die Herkunftsländer versuchte man hier das Konzept multikultureller Verständigung zu setzen. Dies tat offenbar die Liste IDEAL überzeugender: Sie erhielt mehr als doppelt soviel Stimmen.

Was die konkreten Einflußmöglichkeiten des AB auf die kommunale Politik anging, war sein Aktionsradius sehr beschränkt. Gleichwohl hatte er eine beachtliche symbolische Ausstrahlung, verlieh er doch den gewählten Mitgliedern Medienpräsenz und somit Prestige. Diese Ausstrahlung sank allerdings in dem Maße, wie die weitaus realere Einflußnahme durch das kommunale Wahlrecht auch für MigrantInnen erreichbar wurde. Mit der Verleihung des kommunalen Wahlrechts an EU-BürgerInnen schieden die griechischen, spanischen und italienischen Gruppierungen aus dem Kreis der Interessenten aus. Daneben wurde mit der Änderung des Ausländerrechts von 1991, die — neben gravierenden Verschärfungen — gerade für Einwanderer aus der Türkei auch konkrete Erleichterungen bei der Einbürgerung brachte, ein individueller Weg zum vollen Wahlrecht frei.

Sprunghafter Anstieg der Einbürgerungszahlen
Zwar stehen exakte Statistiken zur Entwicklung der Zahl an Neubürgern türkischer Herkunft in Hannover nicht zur Verfügung, doch läßt sich durch gewichtete Umrechnungen aus den Landes- und Bezirksstatistiken schließen, daß die Zahl der Einbürgerungen im Stadtgebiet Hannover von weniger als zehn Fällen im Jahr 1988 nach 1991 sprunghaft anstieg (Schätzwerte für 1993: 205, 1994: 320, 1995: 630 Personen), bei weiterhin steigender Tendenz.[6]

Da Eingebürgerte naturgemäß von den kommunalen Behörden nicht mehr als „Ausländer“ betrachtet werden, verlieren sie automatisch das aktive und passive Wahlrecht für den Ausländerbeirat. Dies hat u.a. dazu geführt, daß der Ausländerbeirat der Stadt Ende 1995 kurz davor stand, seine Beschlußfähigkeit zu verlieren, da immer mehr seiner Mitglieder sich hatten einbürgern lassen und dadurch ihren Sitz in diesem Gremium verloren.

Auf der Ebene der Organisation in Vereinen spielte die Einbürgerung allerdings keine Rolle: Der Erwerb des deutschen Passes schloß und schließt die aktive Mitarbeit in einem türkischen oder islamischen Verein in keiner Weise aus. Selbst bei den Anhänger der Milli-Görüş-Bewegung, denen der Verfassungsschutz verfassungsfeindliche Ziele nachsagt, wird die Einbürgerung bejaht.[7] Sogar Hüseyin Işık, Mitgründer und Vorsitzender des Islamischen Vereins und seit gut 30 Jahren in der BRD, erklärte im Interview (1995), er habe bereits seinen Antrag auf die deutsche Staatsbürgerschaft gestellt. Tatsächlich zeigte sich die türkische Vereinslandschaft in Hannover — ungeachtet der von Jahr zu Jahr zunehmenden Zahl der Einbürgerungen — auch in den 90er Jahren quicklebendig. Insbesondere die Zahl der Vereinsneugründungen stieg ungebrochen weiter. Allein im Zeitraum von 1990 bis 1996 erhöhte sich die Gesamtzahl aller aktiven türkischen Verein in Hannover von 31 auf 39 (siehe Tabelle 10).

1990 kamen vier Vereine neu zum Eintrag, darunter eine ‚Karteileiche‘.[8] Die drei anderen waren Sportvereine, die hier — trotz der separat vorliegenden Studie zu den Sportvereinen in Hannover — besprochen werden sollen, weil sie über das Sportliche hinaus Licht auf weitere Entwicklungen werfen.

Besonders interessant und auch rätselhaft sind die beiden Vereine „Hicret Sportverein in Hannover und Umgebung e.V.“ und „Hilal Spor Gençlik Kulubu e.V.“, die zunächst durch fast identischen Wortlaut der Satzung auffallen, den sie zudem mit noch einem weiteren Verein, dem 1984 gegründeten „Vahdet Sportverein in Hannover und Umgebung e.V.“, teilen. Die Parallelen gehen allerdings noch weiter. Alle drei Sportvereine wurde im Umfeld der Milli Görüş-Moschee am Weidendamm gegründet und zeigen starke Überschneidungen beim Führungspersonal. Haci und Cengiz Toklu beispielsweise waren nicht nur Mitglieder im Gründungsvorstand von Vahdet, sie beteiligten sich auch bei der Gründung des Hicret Sportvereins im Vorstand. Ebenfalls in beiden Vereinen aktiv war Fikri Paslı, der später auch als leitender Funktionär auf Landesebene für Milli Görüş aktiv wurde, Hilal Spor wiederum wurde vom 1. Vorsitzenden des Islamischen Vereins in Hannover (Träger der Milli Görüş-Moschee am Weidendamm), Hüseyin Işık, persönlich gegründet. Wozu aber braucht eine Moschee drei Sportvereine mit identischen Satzungen?

Ein Blick in die Vereinsgeschichte von Vahdet scheint zunächst für Klarheit zu sorgen: 1988 hatte sich der Verein unter Leitung von Haci Toklu und Fikri Paslı in „AMGT Vahdet Sportverein“ umbenannt. AMGT steht für „Avrupa Milli Görüş Teşkilatları“[9], die Aufnahme dieses Namenszusatzes markierte also klar den unmittelbaren Anschluß an das Organisationsnetz dieses Dachverbandes der Milli Görüş. 1990 jedoch macht der Verein unter Führung desselben Vorstands die Namensänderung rückgängig, als Vereinssitz wurde nicht länger die Moschee am Weidendamm, sondern Fikri Paslıs Privatadresse angegeben. Aus verschiedenen Quellen ist zu rekonstruieren, daß es damals zum Zerwürfnis mit dem Vorstand der Moschee, namentlich mit Hüseyin Işık, gekommen war. Işık hat dann vermutlich aus Trotz seinen eigenen Sportverein, Hilal Spor, gegründet. Dies alles erscheint sehr plausibel und stimmt mit den Eintragungen im Vereinsregister überein.[10]

Unerklärlich bleibt jedoch, warum die Riege um Toklu und Paslı 1990 noch einen weiteren Verein (Hicret Sportverein) gründet, der — ganz wie Hilal Spor — niemals ernstlich sportlich oder anderweitig aktiv wird. Recht undurchsichtig wird das Geschehen, wenn man hinzunimmt, daß Hicret 1996 plötzlich wiederbelebt und in „Anadolu Sport- und Kulturverein Hannover 1990 e.V.“ umbenannt wurde. Der neue Name und eine neue Satzung wurden unter Paslıs Leitung von einer Vollversammlung in der Milli Görüş-Moschee beschlossen.[11] Dieser Verein ohne jegliche Aktivitäten wurde schließlich vorgeschickt, als die Milli Görüş Ende 1997 für 1.530.000 Mark einen Gebäudekomplex in Gleidingen als Schulungszentrum erwarb.[12] Da 1991 neben dem „Islamischen Verein in Hannover“ (Erster Vorsitzender: Hüseyin Işık) auch noch ein „Avrupa Milli Görüş Teşkilatları AMGT Ortsverein Hannover e.V.“ gegründet wurde, der seinen Sitz in der Milli Görüş-Moschee hat und dessen Erster Vorsitzender Hüseyin Işık heißt, zeichnet diese Moschee für nicht weniger als sieben verschiedene, beim Vereinsregister in Hannover eingetragene Vereine verantwortlich. Diese Verschachtelung, die mehr an einen Konzern als an einen religiösen Verein erinnert, provoziert geradezu kritische Fragen nach dem Sinn und Zweck, die hier jedoch nicht stichhaltig beantwortet werden können.[13]

Der dritte Sportverein, der seine Aktivität 1990 aufnimmt, Güneş Spor, ist aus anderen Gründen von allgemeinerem Interesse. Das Auftauchen von Güneş Spor hängt eng zusammen mit der besonderen Situation der alevitischen Teilgruppe unter den Einwanderern aus der Türkei. Güneş Spor entstand als Spaltprodukt eines Fußballclubs namens „Yıldırımspor“, dessen Mitglieder sich fast ausschließlich aus dem Kreis zweier engverwandter, sehr extensiver, alevitischer Familienclans rekrutieren. Diese Yıldırıms und Ertürks — die Schätzungen über ihre Gesamtzahl schwanken zwischen 500 und 1.000 Personen — bilden den Traditionskern der alevitischen Diaspora in Hannover. Yıldırımspor betrieb schon seit 1982 ein quasi vereinsmäßiges Fußballengagement mit allwöchentlichen Punktspielen in wechselnden Ligen des niedersächsischen Fußballverbands, ohne jedoch ein selbständig eingetragener Verein zu sein. Hierzu ein längerer Auszug aus der Arbeit von Lars Hellriegel:

„Als geschlossene dritte Herrenmannschaft gliederten sich die Verwandten dazu unter dem Namen Yıldırımspor dem LSV Alexandria 1903 an. Sportlich war Yıldırımspor dort recht erfolgreich. Schon bald wurde die Verwandtenmannschaft die zweite Herrenmannschaft beim LSV Alexandria. Nach einigen gewonnenen Meisterschaften stand das Team dann allerdings vor dem Problem, nicht weiter aufsteigen zu können, da die erste Herrenmannschaft des LSV Alexandria lediglich eine Spielklasse höher spielte. So jeglicher Aufstiegschancen beraubt, entschied sich die Mannschaft 1990, zum TuS Ricklingen zu wechseln, da sie dort als erste Herrenmannschaft spielen konnte.
Mit dem Vereinswechsel erfolgte gleichzeitig eine Umbenennung des Mannschaftsnamens von Yıldırımspor in Güneş Spor. Mit der Umbenennung sollte auch nach außen hin deutlich gemacht werden, daß man sich nicht mehr ausschließlich als Familienmannschaft definiert, sondern auch gerne andere Fußballspieler aufnimmt. [... Man] unternahm auch Überlegungen, sich als eigenständiger Verein eintragen zu lassen. Dies wurde aber aus Kostengründen bald wieder verworfen. [...]
Das Jahr 1992 war für Güneş Spor außerordentlich ereignisreich. Da ein Teil der Verwandten sich weiterhin gegen die Aufnahme von Nicht-Verwandten und Spielern anderer Nationen aussprach, der andere Teil jedoch für Spieler jeglicher Nationen offen sein wollte, kam es zu einer Spaltung. Der verwandtschaftlich-nationalistisch eingestellte Teil verließ Günes Spor, gab sich wieder den alten Namen Yıldırımspor und ging zum LSV Alexandria zurück.“[14]

Daß die Umbenennung von „Yıldırım“ zu „Güneş“ (zu deutsch: Sonne) gerade 1990 erfolgte, ist höchst wahrscheinlich kein Zufall. Vielmehr bewegt sich der Vorgang im Rahmen eines allgemeinen Trends, nämlich daß die Aleviten in dieser Zeit (europaweit) sehr erfolgreich neu zu organisieren begannen.[15] 1990 benannte sich auch der alevitische Tarnverein „Türkischer Patrioten-Bund Hannover“ offen um in „Der Alevitischer Kulturverein Hannover“. Fast 30 Jahre hat der Prozeß gedauert, in welchem die Aleviten sich unter den Bedingungen der Religionsfreiheit in der BRD ganz allmählich zu einer religiösen Gruppe im eigentlichen Sinne entwickelten. Aus dem nur im Verborgenen praktizierten, ausschließlich von Mund zu Mund überlieferten, völlig heterogenen Glauben begann sich in den 90er Jahren eine kodifizierte Religion zu formen, was seinerseits Rückwirkungen auf die Aleviten in der Türkei hatte und hat.

Allerdings sollte man sich nicht der Illusion hingeben, „die Aleviten“ seien eine homogene Gruppe. Wie schon die Spaltung Yıldırım/Güneş im Mikrokosmos des hannoverschen Fußball zeigt, existieren verschiedenste Fraktionen. Die Betreiber der Umbenennung in „Güneş“ vertreten z.B. die multikulturelle Linie der zeitgleich entstandenen Liste im Ausländerbeirat IDEAL.[16] Die Anhänger des reaktivierten Vereins Yıldırımspor können mit Multikulturalität wenig anfangen, ihre Orientierung auf das Netzwerk ihrer Großfamilie hat aber auch wenig mit nationalen oder religiösen Kategorien zu tun. Am ehesten könnte man es mit dem italienischen Begriff campanilismo beschreiben. Ganz gewiß bilden auch die Yıldırıms und Ertürks keinen monolithischen Block. Man findet Mitglieder der Großfamilie sowohl bei den Grauen Wölfen, wie auch unter den Gründern von IDEAL, wie auch im ehemaligen Revolutionären Arbeiterverein. Der prominenteste Yıldırım der Stadt, Veli Yıldırım, engagiert sich seit Jahren bei der hannoverschen SPD und wurde 1998 Vorsitzender des Ausländerbeirats.

Trotz dieser notwendigen Warnung vor Verallgemeinerungen kann man in den 90er Jahren als eindeutigen Trend zunächst die offene Etablierung einer separaten, alevitischen Selbstorganisation und in Windeseile nachfolgend ihre Ausdifferenzierung durch Spaltungen, Fusionen und Neugründungen erkennen, was weiter unten im Zusammenhang mit dem Verein zur Förderung der Ideen Atatürks e.V. und Çağdaş Dostlar e.V. weiter auszuführen sein wird.

Wie aus Tabelle 10 weiter oben ersichtlich blieb in den nachfolgenden Jahren 1991, 1992 und 1993 das Niveau an Neugründungen mit fünf bzw. vier Vereinen pro Jahr sehr hoch. Von diesen 13 Vereinen haben allerdings nicht alle die gleiche Wirkung entfaltet. Nimmt man etwa das Jahr 1991, so findet man mit „Tavla e.V.“ und dem „Club Istanbul. Deutsch-türkische Geselligkeiten e.V.“ zwei eher unbedeutende Kaffeehausverein, über die man sehr wenig sagen kann.[17] Zwei weitere Neugründungen des Jahres, der „AMGT Ortsverein Hannover e.V.“ und die „Türkische Familienunion in Hannover und Umgebung e.V.“, wurden weiter oben schon im Zusammenhang mit der Entwicklung der Moscheenlandschaft angesprochen. Zu ersterem kann man gegenwärtig nicht mehr berichten, als bereits angedeutet: Daß er nämlich als einer von sieben Vereinen in der Milli Görüş-Moschee am Weidendamm gemeldet ist und seiner Zweckbestimmung nach rätselhaft bleiben muß.[18]

Die „Türkische Familienunion“ hingegen fungiert klar erkennbar als Nachfolgeverein des in Konkurs gegangenen Moscheevereins der Grauen Wölfe aus der Striehlstraße. 1991 nahm sie ihren Moscheebetrieb in einem unauffälligen Zweckbau auf dem Hinterhof des Hauses Lavesstraße 69 auf, der mit seiner Rückseite direkt an die Bahngleise stößt.

„Die Familienunion '91, '92 entstanden ist. Davor haben wir ja als türkische Idealisten gearbeitet. [...] Dann mußten wir von Striehlstraße ausziehen, weil das, wo wir waren, sollte abgerissen werden. Bis '91, '90 waren wir da. [...] Aber dann... erstmal haben wir sechs Monate keine Verein gehabt. Weil... die Miete war teuer, soviel war das, viel zu viel. Weil wir leben auf dem Mitgliedbeitrag. Die sind pleite gegangen, war auch anderer Vorsitzender. Dann... ich hab's Kollegen organisiert, haben wir Geld gesammelt und das Grundstück gekauft.“

(Auszug aus dem Interview mit Abdullah Şahin, Vereinsvorsitzender)

Der zweistöckige Flachbau wurde samt Grundstück für 600.000 Mark gekauft, was für einen Verein mit ungefähr 150 Mitgliedern eine beachtliche Investition darstellt.[19] Zwar geht aus der Satzung nicht hervor, daß der Betrieb einer Moschee Zweck des Vereins ist, doch scheint dies neben einem Billardtisch und einer kleinen Teestube mit einer noch kleineren, improvisierten Friseurecke, das Hauptangebot darzustellen.[20] Die Satzung, in welcher der Verein sich als „parteipolitisch unabhängig“, „demokratisch“ und „fortschrittlich“ bezeichnet, läßt ebenfalls nicht erkennen, daß es sich um eine Filiale der Grauen Wölfe handelt.[21] Wer allerdings den Fuß über die Schwelle des Vereinslokals setzt, kann angesichts des Gewimmels von Fahnen, Emblemen und Motivteppichen, die allesamt drei Halbmonde (Wappen der MHP) oder eine Wolfssilhouette zeigen, kaum in Zweifeln über die politischen Sympathien der hier beheimateten Menschen bleiben.[22]

Die letzte Neugründung des Jahres 1991 stellt eigentlich keinen selbständigen Verein dar, vielmehr handelt es sich um eine Filialengründung eines Dachverbandes namens „European Association of Turkish Academics“ (EATA). EATA wurde 1990 in Frankfurt gegründet, daher ist der Verein nur dort im Vereinsregister eingetragen. Von Frankfurt aus wurde auch die Gründung der Filiale in Hannover initiiert. In der Anfangsphase konnte der neue Verein auf vielleicht 40 Sympathisanten und Mitglieder zählen. Es gab allerdings heftige Auseinandersetzungen darüber, ob man sich wirklich an EATA binden sollte.[23] Eine starke Fraktion drängte darauf, daß man einen selbständigen Verein gründen sollte. Der Konflikt regelte sich schließlich durch Austritt der Gegner der Bindung an EATA. Seither hat der Verein nur noch 17 Mitglieder plus einige Sympathisanten (Stand 1996). Eine kurze Zeit über leistete sich die Gruppe ein angemietetes Büro in Universitätsnähe, doch konnte man auf Dauer die Miete nicht aufbringen. So war die Hannover-Gruppe der EATA glücklich, als der türkische Generalkonsul ihnen 1995 mietfrei einen Raum im Türkei-Haus in der Vahrenwalderstraße anbot. Insgesamt spielt EATA in Hannover eine marginale Rolle.

Es ergibt sich somit für das Jahr 1991 ein widersprüchliches Resüme: Die Kette der Vereinseintragungen reißt nicht ab, aber die Bedeutung der jeweiligen Gruppen nimmt eher ab. Obwohl in diesem Jahr fünf Vereine neu auf's Tableau kamen, hat sich kaum etwas geändert.[24] Selbst der Einzug des neuen Moscheevereins in der Lavesstraße entpuppt sich bei näherem Hinsehen als Umzug einer schon vorher bestehenden Organisation, die allerdings wegen der Pleite des Vorgängervereins einen neuen Namen brauchte.

Die Bilanz des nächsten Jahres 1992 sieht im Vergleich dazu etwas anders aus. 1992 wurden vier Vereine neu gegründet, von denen einer gleich nach der Gründung wieder verschwand.[25] Die anderen drei Vereine verdienen mehr Aufmerksamkeit:

1992 fand auch — wie schon angemerkt — die zweite Wahl des Ausländerbeirats der Stadt Hannover statt, bei der vor allem die geringe Wahlbeteiligung von nur 18,9 Prozent auffiel. Eindeutiger Wahlsieger mit 32,8 Prozent aller Stimmen war die GdM, die gemeinsame Liste der Moscheen, die anders als beim ersten Mal auch einen Kandidaten der DİTİB-Moschee (Hamamizade) mit einschloß. Ebenfalls abweichend von der ersten Ausländerbeiratswahl gelang es diesmal vier türkisch-nationalistischen Vertretern mit ihrer Liste „Türkische Vereinigung“ in den AB einzuziehen.[36] Allerdings waren die Befürchtungen, daß es nun im AB nur noch um türkisch-islamische Interessen gehe — immerhin hatten Türkische Vereinigung und GdM mit elf Vertretern die absolute Mehrheit —, verfehlt. Tatsächlich zeigten sich Vertreter der Milli Görüş-Moschee recht verärgert über jene Beiratsmitglieder, die als „ihre“ Delegierten auf die GdM-Liste gelangt waren, denn ihre Wunschthemen spielten kaum eine Rolle in der Arbeit des ABs. Zafer Hamamizade, Vorsitzender des zweiten ABs, formuliert diese Erfahrung so:

„Wir haben uns die Gemeinschaft der Mitte genannt, weil wir nicht mit irgendeiner radikalen politischen Linie identifiziert werden wollten, sondern uns nur um die Interessen der Muslime hier in Hannover kümmern wollten. Geschafft haben wir das nicht, das ist im Tagesgeschäft des Beirats untergegegangen, nur das eine Mal bei der Kopftuchfrage sind wir aktiv geworden.“

(Auszug aus dem Interview mit Zafer Hamamizade)

Im Jahr 1993 stieg die Zahl der aktiven türkischen Vereine in Hannover auf 33 an. Von den vier Neugründungen des Jahres zeigte einer bereits unmittelbar nach der Eintragung in Vereinsregister keine Aktivität mehr.[37] Bei einem zweiten, dem „Förderverein Klinik Akyazı e.V.“, stößt man mit Mustafa Kilit als erstem Vorsitzenden auf eine bereits bekannte Persönlichkeit. Herr Kilits Übersetzerbüro ist zugleich Zentrale für den Türkisch-Deutschen Kulturverein und den Förderverein Klinik Akyazı. Im Interview stellte sich heraus, daß die türkische Kreisstadt Akyazı Herrn Kilits Geburtsort und sein Vater Bauherr der zukünftigen Klinik ist. Das Grundstück wiederum, auf dem die Klinik gebaut wird, gehört dem Vorsitzenden des Fördervereins. Angesichts dieser Verquickungen ist es schon eher erstaunlich, daß das Bundesverteidigungsministerium die kostenlose Überlassung eine komplette Lazaretteinrichtung aus veralteten Armeebeständen zugesagt hat.[38]

Der dritte türkische Verein, der 1993 zum Eintrag kam, gibt durch seinen Namen „Bund der Akademiker, Studenten und Schüler in Hannover 1993 e.V. (BASH)“ nicht zu erkennen, daß hier fast ausschließlich türkischstämmige Anhänger der Milli Görüş-Bewegung organisiert sind. Nur wenn man weiß, daß die Anmeldung des Vereins ursprünglich unter dem Namen „Internationaler Bund muslimischer Akademiker und Studenten in Hannover und Umgebung“ erfolgen sollte, erhält man einen ersten Hinweis. Vereinszweck ist laut Satzung die „Förderung des interreligiösen und internationalen Dialoges“. Die Verquickung mit der Milli Görüş wird erst durch die starke personelle Überschneidung mit dem Sportverein Vahdet klar.[39] Sitz des Vereins ist die Privatadresse von Muammer Duran, der im Jahr zuvor auf der GdM-Liste in den zweiten Ausländerbeirat eingezogen war. Die Treffen der Gruppe finden dem Vernehmen nach in der Moschee am Weidendamm statt, da die BASH aber ebenfalls als studentische Vereinigung an der Universität Hannover registriert ist, stehen ihr auch Universitätsräume zur Verfügung. Welche Aktivitäten der Verein heute entfaltet, ist nicht bekannt.

Anders steht es bei den letzten der vier Neugründungen, der „Türkischen Gemeinde in Hannover und Umgebung (TGH) e.V.“, die dank einiger prominenter Gründungsmitglieder wie z.B. Adnan Kuybu und professioneller Pressearbeit — hierfür zeichnete Halit Ayaroğlu, Journalist und ehemaliger Milliyet-Redakteur, verantwortlich — vergleichsweise viel von sich reden machte. Der Verein hat jedoch nur wenige Mitglieder und überlebt vor allem als Ortsgruppe des Ende 1995 gegründeten Dachverbandes „Türkische Gemeinde Deutschland“ (TGD). Gründungsvorsitzender und spiritus rector dieser TGD ist Prof. Dr. Hakkı Keskin, der 1993 als Abgeordneter für die SPD in der Hamburger Bürgerschaft einzog.[40] Keskin war auch Initiator der hannoverschen Gemeinde, deren spätere Gründer er regelmäßig zu eigens hierfür organisierten gesellschaftspolitischen Wochenend-Tagungen der Friedrich-Ebert-Stiftung einlud, um sie für die Idee der „Türkischen Gemeinden“ zu gewinnen. Ihrem Anspruch nach soll sie ein gemeinsames Dach für alle Türkischstämmigen in Deutschland abgeben. Allerdings verstehen sich die Macher — zumindest der hannoverschen Gemeinde — hierbei als Elitekräfte, die den ‚einfacheren‘ Menschen Führung und Leitung angedeihen lassen, was die starke Konzentration von Freiberuflern und Akademikern erklärt. Die Treffen der neuen TGH finden im Türkei-Haus in der Vahrenwalder Straße statt, da der Verein nicht über einen eigenen Treffpunkt verfügt. Durch die Querverbindung in der Person von Adnan Kuybu gibt es auch eine begrenzte Zusammenarbeit mit dem türkischen Unternehmerverband.[41] Durch weitere Doppelmitgliedschaften bestehen auch Beziehungen zur EATA und zum Türkischen Lehrinnen- und Lehrerbund, mit denen man ja auch die Anbindung an das Türkei-Haus teilt.

Rassistische Mordanschläge in Solingen und Mölln
Der rassistisch motivierte Mordanschlag vom 29. Mai 1993, dem in Solingen sechs türkischstämmige Frauen zum Opfer fielen, und die zahlreichen Demonstrationen, Kundgebungen und Lichterketten, die darauf folgten, markieren auch für die deutsch-türkische Minderheit in Hannover einen Wendepunkt in ihrer Beziehung zur Mehrheitsgesellschaft. Die Nennung von „Solingen, Mölln“[42] ist ständig abrufbares Signum einer elementaren Verunsicherung. Als Schlagwort für fremdenfeindliche Anschläge und Ausländerhaß im allgemeinen zieht es sich durch sämtliche Interviews, die wir führten.

Aufgerüttelt durch die Morde von Solingen kamen zunächst zahlreiche türkische Gruppierung der Stadt ohne Ansehung ihrer sonstigen Differenzen zusammen, um gemeinsame Protest- und Trauerkundgebungen zu organisieren. Der Türkisch-Deutsche Club (Arbeitgeberverband), der Ausländerbeirat und Arkadaş hatten hier die Federführung. Doch an der Frage, ob man mit oder ohne türkische Fahne demonstrieren sollte, zerbrach die Einheit und die alten Feindseligkeiten brachen wieder aus. Am Ende gab es zwei verschiedene Aufrufe zu Demonstrationen zur gleichen Zeit am selben Ort, was zu den vorsehbaren Prügeleien führte.

Die Tatsache, daß selbst angesichts dieser alle Türkischstämmigen unabhängig von ihrer Gesinnung treffenden tödlichen Gefahr keine Aktionseinheit herzustellen war, brachte einen Gesprächspartner zu der Bemerkung: „Niemand kann alle Türkeistämmigen vertreten. Einen Hakkı Keskin, wie in Hamburg, haben wir nicht.“ Da allerdings — wie Ahmet Güler vom Unternehmerverband TİDAF bemängelt — religiöse Gruppierungen wie Milli Görüş von Keskins Türkische Gemeinde-Projekt ausgeschlossen sind, kann man berechtigte Zweifel heben, ob es selbst mit einer prominenten Leitfigur wie Keskin in Hannover zu einem anderen Ergebnis gekommen wäre. Die Ausdifferenzierung der deutsch-türkischen Minderheit in Hannover, die zahlenmäßig Ende 1993 bereits 23.000 Personen umfaßte, war dafür viel zu weit fortgeschritten. Zum Vergleich muß man sich vorstellen, man wollte alle EinwohnerInnen von Holzminden in einer Organisation vereinen. Und gemessen daran, wieviele Verbände, Vereine und Initiativen es in einer Kreisstadt wie Holzminden gibt, kann die Anzahl der türkischen Vereine in Hannover als durchaus noch ausbaufähig betrachtet werden.

1994 wurden nur zwei neue türkische Vereine in Hannover gegründet: „Mosaik Sportverein e.V.“ (wird hier nicht weiter behandelt) und der „Verein zur Förderung der Ideen Atatürks e.V.“. Prominentestes Gründungsmitglied und auch erster Vorsitzender des Atatürk-Vereins war Necati Tüysüzoğlu, der als Sozialarbeiter seit 1971 in Hannover aktiv ist und außerdem als Gründer und spiritus rector des Fußballvereins Damla Genç große Bekanntheit in der Stadt genießt.[43] Bei der Gründung des Atatürk-Vereins waren neben Tüysüzoğlu noch etliche andere Veteranen erschienen, die bereits Erfahrungen in verschiedenen Vereinen gesammelt hatten. Auffälliges Detail: unter den zwölf Unterzeichnern des Gründungsprotokolls tauchen fünf Yıldırıms auf, was wohl kein Zufall ist, denn der Atatürk-Verein gilt als aufgeschlossen gegenüber der alevitischen Sache.[44] Er ist damit allerdings nicht erschöpfend beschrieben, denn sonst wären dort nicht auch Geschäftsleute wie Arif Aydoğdu Mitglied. Vielmehr ist anzunehmen, daß es sich um eine Organisation der Anhänger des Ecevit-Flügels der türkischen Sozialdemokratie handelt, was wiederum eine Attraktivität für Aleviten plausibel macht. Sitz des Vereins ist das offizielle Türkei-Haus in der Vahrenwalder Straße, es bestehen offenkundig gute Kontakte zum Konsulat.[45]

Die Gründung des Atatürk-Vereins läuft auf bestimmte Weise gegen den Trend, weil sie einen Re-Import politischer Fraktionierungen aus der Türkei darstellt, wie er typisch für die 70er und frühen 80er Jahre war. Die vier Vereinsgründungen des Jahres 1995 weisen wiederum mehr in die Richtung einer Lokalisierung der Interessen, wobei ein Fall, der „Kultur- und Sportverein für Türken in Hannover e.V.“, etwas mysteriös bleibt. Es fanden sich zwar zu seiner Gründung 60 Menschen am Marstall 10 zusammenfanden und ist es auch zu einer regulären Eintragung gekommen. Jedoch hatte das Vereinsregister offenkundige Bauchschmerzen, da vier der sieben Erstunterzeichner der Vereinssatzung zumindest vom Namen her identisch mit Personen zu sein schienen, die polizeilich zur Abschiebung ausgeschrieben waren.[46] Lars Hellriegel stellt in seiner Arbeit über die türkischen Sportvereine in Hannover fest, daß der Verein in der Sportszene der Stadt bis dahin (1996) noch keine Aktivität gezeigt hat. Auch andere Details lassen vermuten, daß es sich hier um einen gescheiterten Gründungsversuch handelt, was hier aber nicht abschließend beurteilt werden kann.

Ebenfalls dünn ist die Informationslage zum „Türkisch-Deutschen Freundschaftsverein Linden e.V.“, über den man gegenwärtig nicht viel mehr sagen kann, als daß er mit unverbindlichen, der Völkerverständigung im weiteren Sinne gewidmeten Zielen gegründet wurde und seinen Sitz in der Viktoriastraße 43 im Stadtteil Linden-Nord hat. Aktivitäten sind nicht bekannt.[47]

Etwas handfester sind die Erkenntnisse über den „Türkischen Elternverband in Hannover und Umgebung e.V.“. Anders als der erste, gescheiterte Versuch, einen türkischen Elternverein in Hannover zu etablieren, den Ergin Okan 1986 in dichter Anlehnung an das Konsulat initiiert hatte, ging dieser Elternverband aus einem Moscheeverein hervor. Er hat seinen Sitz in der ATİB-Moschee in der Fössestraße.[48] Über Entstehung und Zielsetzung sagt eine Vertreterin des Vereinsvorstands:

„Eigentlich ist es mir nie in den Sinn gekommen, obwohl das, das eigentlich das Einfachste der Welt ist, das hätte mir vor Jahren einfallen müssen! Eine Lehrer hat mich daraufhin angesprochen. Wenn ihr Probleme habt, gründet doch so einen Verein. Hab' ich gesagt: Mensch, warum bist du bisher nie dadrauf gekommen? Ich hatte es nie im Sinn. Und daraufhin habe ich gesagt, es ist okay, das muß sein. Es gibt keinen anderen, also muß irgendwo jemand sich für die Kinder einsetzen, denn die Kinder haben sehr, sehr große Probleme, immer noch. Und immer noch haben sie wenig Rückendeckung, wenig Verständnis oder wenig Hilfe von zu Hause.“

(Auszug aus dem Interview mit dem Vorstand des Elternvereins)

Der Verein sucht den Kontakt mit den kommunalen Behörden und den Schulen und wird von dieser Seite auch ernst genommen.[49] Er befand sich zu Ende des untersuchten Zeitraums aber noch in der Aufbauphase und hatte noch nicht mehr als 20 Mitglieder. Laut Auskunft der Vorsitzenden handelt es sich bei den Mitgliedern vorwiegend um türkischstämmige MigrantInnen der zweiten Generation, sog. „Bildungsinländer“. Es befinden sich darunter aber auch Celal Mermertaş, Mehmet Mustafa Gülen und Yılmaz Varlıoğlu, alle drei Mitglieder der GdM-Liste im Ausländerbeirat.[50] Welche Wirkung der Verein letztlich entfalten wird, bleibt abzuwarten.

Noch eindeutiger in die Kategorie der special interest-Gruppen fällt der vierte und letzte Verein, der 1995 ins Vereinsregister eingetragen wurde, der „Bund der Türkischen Ingenieure in Niedersachsen“.[51] Er hat sich folgendes Ziel auf die Fahnen geschrieben:

„Zusammenkunft aller in Niedersachsen lebenden Ingenieure, Architekten und Naturwissenschaftler, mit dem Ziel Kommunikation und Unterstützung der Mitglieder untereinander in technisch/wissenschaftlichen Bereichen.“

(Auszug aus Paragraph 2 (Zweck) der Satzung)

Der Gründungsvorsitzende, Yüksel Taşdelen, Diplom-Ingenieur und Besitzer eines EDV-Geschäfts, der zugleich auch Vorstandsmitglied im Türkisch-Deutschen Club (Türkischer Unternehmerverband) ist, nahm zu der Frage Stellung, warum diese Aktivität in einem separaten Verein stattfinden müsse und nicht als Untergruppe des Unternehmerverbandes funktioniere.

„Zunächst haben wir das im Rahmen des Unternehmerverband versucht, doch dazu ist Wissen nötig, das längst nicht bei allen Mitgliedern im Unternehmerverband vorausgesetzt werden kann. Viele ausländische Unternehmensgründer, die jetzt im Unternehmerverband sind, stammen noch aus der ersten Generation der ‚Gastarbeiter‘ und haben daher wenig technischen Background. Erst die zweite Generation hat da ein bißchen aufgeholt. Es ist schwer, zwischen diesen Gruppen einen Konsens zu finden. Einigen konnten wir uns gar nicht verständlich machen.“

(Auszug aus dem Interview mit Yüksel Taşdelen)

Nach Ansicht eines anderen Insiders sind sogar drei Generationsgruppen an diesem Konflikt beteiligt:

„Es gibt im Unternehmerverband sozusagen drei Generationen. Die erste sind diejenigen, die hier als Arbeiter hergekommen sind und sich dann recht schnell selbständig gemacht haben, z.B. mit Lebensmittelgeschäften. Die zweite sind diejenigen, zu denen auch ich gehöre. Die haben noch in der Türkei ihr Vorstudium fertiggemacht, sind dann in die BRD gekommen und haben sich nun hier etabliert. Wir denken natürlich anders als die erste Generation. Aber ohne die erste Generation hätten wir den Sprung in diese Gesellschaft nicht geschafft. Die dritte Generation ist hier aufgewachsen und hat sich hier ihre Existenz aufgebaut wie z.B. Herr [...] oder Herr [...], der besser deutsch spricht als türkisch. Der kommt mit der ersten Generation im Verein gar nicht zurecht, mit uns von der zweiten geht es sehr wohl. Die Leute aus der ersten Generation, wie Arif Aydoğdu, sind für ihn Dinosaurier und umgekehrt finden die ihn unmöglich.“

(Auszug aus dem Interview mit Ahmet Güler)

Gegenwärtig (1996) hat der Ingenieursverein 25 Mitglieder, auf der ersten öffentlich angekündigten Versammlung waren aber weit mehr Interessierte. Der Vorsitzende, Taşdelen, geht nach einer eigenen, gründlichen Erhebung davon aus, daß circa 120 bis 150 türkischstämmige Elektrotechniker, Maschinenbauer, Bauingenieure und Architekten in Hannover und der näheren Umgebung leben und arbeiten. Inwieweit es dem Verein gelingen wird, diesen Personenkreis zu organisieren, wird die Zukunft zeigen.

Für das letzte Jahr, das noch in der Berichtszeitraum fällt, 1996, ist nur die Anmeldung eines Vereins bekannt geworden; dessen Eintragung ist seither auch erfolgt.[52] Es handelt sich hier um einen besonderen Fall einer special interest-Gruppe, wie schon dem Vereinsnamen zu entnehmen ist: Die „Deutsch-türkische Vereinigung zum sozial- und geisteswissenschaftlichen Austausch e.V.“ ist ein Verein von türkisch- und deutschstämmigen WissenschaftlerInnen (hauptsächlich an der Universität Hannover), der den Austausch mit Hochschulen in der Türkei aufbauen und pflegen will. Tatsächlich hat der Verein es geschafft, je ein mehrtägiges Symposium in Mersin/Türkei und in Hannover durchzuführen, wo WissenschaftlerInnen u.a. aus Wien, Ankara, Istanbul, Bonn, Hamburg, Izmir, Bielefeld, Mersin und Hannover zusammenkamen. Doch scheiterte der ursprüngliche Plan, die Vereinsorganisation konsequent länderübergreifend — zur einen Hälfte in Hannover, zur anderen in Mersin — aufzubauen, an den Schwierigkeiten der Kommunikation und Abstimmung über die große Entfernung. Der Verein hat zwar heute einige dutzend Mitglieder, tritt aber kaum öffentlich in Erscheinung, da sich die Arbeit sich völlig auf die Organisation der jährlichen Symposien konzentriert. Sein Wirken wird sonst nur gelegentlich durch Gastvorträge von WissenschaftlerInnen aus der Türkei an der Universität Hannover spürbar.

Überblick über die 1996 aktiven Vereine
Zu Ende des Jahres 1996 waren — nach dem bisherigen Stand der Erkenntnisse — 39 türkische Vereine in Hannover mehr oder minder aktiv.[53] Davon sind acht Sportvereine — wobei Sport in diesem Falle siebenmal Fußball und einmal Kampfsport (Taekwando) heißt, in der Praxis also eine reine Männerveranstaltung ist. Die restlichen verteilen sich so (siehe Tabelle 11): Neun sind eindeutig religiöse Vereine (Moscheen gibt es allerdings nur sechs)[54] , zwei sind noch Arbeitervereine des alten Stils, die vermutlich zusammen mit der Generation ihrer Gründer aussterben werden. Die größte Gruppe, nämlich zwölf an der Zahl, bilden die Kultur-, Wohlfahrts- oder Kaffeehausvereine. Die letzte Gruppe von Vereinen, die hier als Berufs- oder Statusgruppenvereine (z.B. Lehrer-, Rentner-, Eltern-, Unternehmerverein) rubrizieren werden, umfaßt acht Einträge.[55]

Vereinsname Kategorie gegr. Register-Nummer
Freiheitlich Türkisch-Deutscher Freundschaftsverein (HÜR TÜRK) e.V. Arbeiter 1986 VR 5349
Türkisch-Deutscher Kulturverein/Türk Alman Kültür Derneği e.V. Arbeiter 1984 VR 5220
Anatolischer Kultur- und Freizeitverein e.V. Kaffeehaus 1984 VR 5291
Tavla e.V. Kaffeehaus 1991 VR 6079
Türkisch-Deutscher Freundschaftsverein Linden e.V. Kaffeehaus 1995 VR 6964
Arkadaş. Verein für eine multikulturelle Gesellschaft e.V. Kultur 1989 VR 5810
Çağdaş Dostlar Kultur- und Kunstverein e.V. Kultur 1992 VR 6358
Türkische Gemeinde in Hannover und Umgebung e.V. (TGH) Kultur 1993 VR 6558
Türkischer Patriotenbund Hannover e.V. (Aleviitischer Kulturverein) Kultur 1980 VR 4770
Verein zur Förderung der Ideen Atatürks e.V. Kultur 1994 VR 6834
Avrupa Millî Görüş Teşkilatları AMGT Ortsverein Hannover e.V. Religion 1991 VR 6174
Islamische Föderation in Niedersachsen e.V. Religion 1986 VR 5500
Islamische Gemeinde der Jama‘at un-Nur e.V. Zweigorganisation Hannover Religion 1973 VR 7306
Islamischer Verein in Hannover und Umgebung e.V. Religion 1973 VR 4091
Islamisches Familienzentrum in Hannover e.V. Religion 1984 VR 5157
Islamisches Kulturzentrum Hannover (Fatih Cami) Religion 1979 keine e.V.
Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion DİTİB e.V. Religion 1987 VR 5628
Türkische Familienunion in Hannover und Umgebung e.V. Religion 1991 VR 6288
Türkisches Kulturzentrum e.V. Religion 1988 VR 5882
Betreuung und Förderung von ausländischen Strafgefangenen e.V. Sozial 1986 VR 5516
Förderverein Klinik Akyazı e.V. Sozial 1993 VR 6465
Gesellschaft zur Förderung behinderter türkischer Kinder e.V. Sozial 1984 VR 5156
Gümüssu- und Umgebung-Förderverein e.V. Sozial 1993 VR 6510
Anadolu Sport- und Kulturverein Hannover e.V. (vormals: Hicret) Sport 1996 VR 6077
Ayyildiz Sport-Club e.V. Sport 1987 VR 5706
Güneş Spor e.V. Sport 1990 VR 7228
Mosaik Sportverein e.V. Sport 1993 VR 7117
S.V. Damla Genç e.V. Sport 1977 VR 4603
Vahdet Sport- und Kulturverein Hannover 1984 e.V. Sport 1984 VR 5211
Yıldırım Spor Sport 1982 kein e.V.
Zafer-Sport e.V. Sport 1983 VR 5039
Bund der Akademiker, Studenten und Schüler in Hannover 1993 e.V. (BASH) Status 1993 VR 6485
Bund der Türkischen Ingenieure in Niedersachsen e.V. Status 1995 VR 6859
Deutsch-Türkische Vereinigung für Sozial- und Geisteswissenschaftlichen Austausch e.V. Status 1996 VR 7149
European Association of Turkish Academics (EATA) Status 1991 VR Frankf.
Türkisch-Deutscher Club e.V. Status 1992 VR 6379
Türkischer Elternverband in Hannover und Umgebung e.V. Status 1995 VR 6872
Türkischer Lehrerinnen- und Lehrerbund in Niedersachsen ASTÖB e.V. Status 1981 VR 4785
Verein für Türkisch-Deutsche Senioren e.V. Status 1992 VR 6393

Quelle: Eigene Auswertung des Vereinsregisters am Amtsgericht Hannover

Tabelle 11: Liste aller 1996 in Hannover aktiven türkischen Vereine

Diese kategorialen Zuordnungen können natürlich nur provisorisch sein. Schwierig zu klären ist beispielsweise die Frage, ob man einen islamistischen Studentenverein der Milli-Görüş-Linie nun vorrangig als religiöse Gruppe einordnen muß oder ob man ihn mehr als studentische Organisation betrachten sollte und damit den Berufs- und Statusgruppen-Vereinen zuschlägt — wie hier geschehen. Außerdem fehlen in dem Tableau alle linksextremen Parteien wie z.B. TKP/ML, Partizan oder TDKP, die auch in Hannover gelegentlich noch aktiv werden. Berücksichtigt sind nur solche Gruppen, die ein öffentliches Lokal unterhalten und/oder öffentlichkeitswirksam — jenseits von Flugblättern und Graffitis — sind.

Da nach einer kurzen Stichprobe im Vereinsregister auch im Jahr 1998 wieder mehrere neue türkische Vereine die Eintragung beantragt haben, muß man davon ausgehen, daß die Ausdifferenzierung der türkischen Vereinsszene auch im kommenden Jahrzehnt weiter anhalten wird.

Abschlußbemerkung
Es versteht sich von selbst, daß diese Skizze nicht den Anspruch auf Vollständigkeit erheben kann. Ein besonderer Mangel ist sicherlich, daß der gesamte Themenkomplex „Kurden“ ausgeblendet werden mußte. Als „türkischstämmig“ wurde hier betrachtet, wer aus der Türkei stammt und/oder die türkische Staatsangehörigkeit besitzt. Dieses Kriterium trifft auch auf Einwandererkreise zu, die sich selbst nicht als „türkisch“ oder als „türkischstämmig“ betrachten und dies auch öffentlich dadurch kundtuen, indem sie sich beispielsweise in einem „Kurdischen Kulturverein in Hannover e.V.“[56] organisieren. Es sind heute mindestens ein Dutzend kurdischer Verein in Hannover registriert. Diese nicht zu behandeln, war auch ein Gebot der Zeitökonomie im Projekt. Außerdem fiel die Anfangsphase des Projekt in eine Zeit, in der Brandanschläge auf türkische Einrichtungen, die kurdisch-nationalen Organisationen zur Last gelegt wurden, an der Tagesordnung waren. Vor diesem Hintergrund hegten wir den Verdacht, daß Nachforschungen, die auch noch diese ethnic boundary überqueren, zu schweren Irritationen sowohl bei den „Türkisch-Türkischstämmigen“, als auch bei den „Kurdisch-Türkischstämmigen“ führen müßten.

Gleichwohl fällt damit eine wichtige Dimension der Entwicklung der Selbstorganisation der EinwanderInnen aus der Türkei weg. Wenn man z.B. das ungeklärte Dahinschwinden des „Islamischen Familienzentrums e.V.“ betrachtet (siehe oben), so könnte hier die Gründung eines „Vereins für kurdische Moslemen-Wissenschaftler e.V.“ Licht hineinbringen. Denn Gründer und Vorsitzender beider Vereine war/ist Imam Ahmet Karakaş. Es liegt die Vermutung nahe, daß es sich hier um eine Art „kurdisches Coming-out“ handelt, ein Prozeß der parallel, aber auch quer zur separaten Selbstorganisation der Aleviten (viele Aleviten sind auch kurdischstämmig) zu laufen scheint. Die Klärung all dieser Fragen muß aber weiteren Nachforschung überlassen werden.

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Hinweis des Autors
Der vorliegende Text wurde 1999 als Abschlussbericht des Projekts „Gemeindestrukturbildung und ethnisches/religiöses Protestpotential bei türkischstämmigen Migrantinnen und Migranten in Niedersachsen“ an die Förderinstitution fertigestellt und seither nicht publiziert. Die hier vorliegende Onlinefassung von 2021 stellt somit die Erstveröffentlichung dar. Das Copyright liegt beim Autor.

Fußnoten

1
Die Wahl fand am 21. Januar 1990 statt. Zu den Detail des Wahlvorgangs und den Wahlergebnissen siehe: Happke „Erste Direktwahl zum Ausländerbeirat in der Landeshauptstadt Hannover am 21. Januar 1990“
2
Bommes Interessenvertretung durch Einfluß S. 36
3
Da die Wahlperiode des AB an die des jeweiligen Rates gebunden war und im Oktober 1991 Kommunalwahlen stattgefunden hatten, mußte auch der AB nach kaum zwei Jahren Amtszeit neu gewählt werden. Zu den Ergebnissen im Detail siehe: Köhler, Claus „Wahl zum Ausländerbeirat in der Landeshauptstadt Hannover am 2. Februar 1992“ in: Landeshauptstadt Hannover Statistischer Vierteljahresbericht der Landeshauptstadt Hannover Hannover 1992 (Jg.91 Heft 1) S.60-71
4
Mehmet Genç, einst der Statthalter der Grauen Wölfe, erhielt ganze 62 Stimmen, die gesamte Liste brachte es auf 554 Stimmen. Hingegen erhielt allein der Spitzenvertreter der GdM, İrfan Şengül, 580 Stimmen (GdM insgesamt: 2961 Stimmen). (Quelle: siehe Fußnote 1) Für ein Portrait von Ali Türk, der keine unmittelbaren Kontakte zu den Grauen Wölfen hat, siehe: Volland, Annette „Ali Türk. Portrait“ in: betrifft. Zeitschrift der Ausländerbeauftragten des Landes Niedersachsen Hannover 1997 (Jg.6 Heft 2) S.16
5
Kuybu hatte die Unterstützung der GdM, da jedoch seine Konkurrentin um das Amt des/r Vorsitzenden, Marcella Heine, genauso viel Stimmen erhielt, mußte das Los entscheiden. Siehe: jj „Über den Vorsitzenden mußte das Los entscheiden. Türkischer Rechtsanwalt führt Hannovers Ausländervertretung“ in: Hannoversche Allgemeine Zeitung Hannover 1990 (Jg.42 Ausgabe vom 20.4.)
6
Exakte, nach Herkunftsnationalitäten differenzierte Einbürgerungszahlen gibt nur für den Regierungsbezirk Hannover, in welchem ungefähr 53.000 türkische Staatsangehörige leben. Während der gesamten 80er Jahre schwankte die Einbürgerungquote hier (im Regierungsbezirk) zwischen 10 und 30 Personen pro Jahr. Die Zahl stieg seit 1991 (Änderung des Ausländerrechts) dramatisch an: 1992 waren es 241, 1993: 516, 1994: 797 und 1995 bereits 1.435 Personen, die von der türkischen Staatsangehörigkeit zur deutschen wechselten. Die oben angegeben Schätzwerte für das Stadtgebiet Hannover beruhen auf proportionalen Umrechnungen entsprechend der Gesamtzahl türkischer Staatsbürger in Stadt und Regierungsbezirk. Um eine möglichst genaue Annäherung zu erhalten wurden die Ergebnisse nochmals gemittelt mit den entsprechenden Umrechnungen für das Land Niedersachsen. Beispiel: 1993 machten die türkischen Staatsbürger in Hannover 18,1 Prozent aller türkischen Staatsbürger in Niedersachsen aus. Im gleichen Jahr wurden 1.020 Wechsel von der türkischen zur deutschen Staatsangehörigkeit registriert. Proportional umgerechnet entfallen vermutlich 185 Einbürgerungen (18,1 Prozent von 1.020) auf Hannover. Im Regierungsbezirk sah das Verhältnis etwas anders aus: In Hannover lebten 1993 44,5 Prozent aller türkischen Staatsbürger des Regierungsbezirks, 44,5 Prozent von 516 Einbürgerungen läßt auf 230 vermutliche Einbürgerungsfälle in der Stadt Hannover schließen. Gemittelt ergibt das circa 205 vermutliche Einbürgerungsfälle in der Stadt Hannover. (Quelle: Niedersächsisches Landesamt für Statistik)
7
Unter Berufung auf Erkenntnisse des Verfassungsschutzes erklärte beispielsweise der nordrhein-westfälische Minister für Inneres und Justiz, Dr. Fritz Behrens, in einer am 21.1.1999 veröffentlichen Presseerklärung, Milli Görüş versuche, für die auf Dauer in Deutschland lebenden Muslime islamistische Normen durchzusetzen, die zum Teil unvereinbar seien mit den im Grundgesetz verankerten Demokratie- und Menschenrechten. (Behrens, Fritz Integration von Ausländern entzieht extremistischen Organisationen den Boden — Durch Aufklärung Vorurteile gegen Islam abbauen Düsseldorf, Ministerium für Inneres und Justiz von NRW, Presseerklärung vom 21.1.1999, online, verfügbar unter: www.im.nrw.de/news_211.htm, (abgelesen am 15.2.1999, Link 2021 obsolet)) Siehe auch: Frisch, Peter Die Beobachtung islamistischer Bestrebungen als Aufgabe des Verfassungsschutzes. Bonn, Bundesamt für Verfassungschutz, o.J. [1998], online, verfügbar unter: www.verfassungsschutz.de/islamp.htm, (abgelesen am 15.2.1999, Link 2021 obsolet)
8
Bei diesem Verein handelt es sich um den „Türkisch-Deutschen Jugendverein Hannover e.V.“, der offenbar über das Gründungsstadium nicht hinausgekommen ist. Aktivitäten sind nicht bekannt, gelöscht wurde der Verein mit der Vereinsregister-Nummer VR 5912 allerdings auch nicht. Mangels verwertbarer Erkenntnisse wird er hier nicht weiter behandelt.
9
zu deutsch ungefähr: „Vereinigungen der Nationalen Sicht in Europa“ .
Siehe hierzu auch das Kapitel „Vahdet, Anadolu (ehemals Hicret) und Hilal“ in: Hellriegel Die türkischen Sportvereine in Hannover
Um so rätselhafter muß erscheinen, daß Hüseyin Işık im Interview angab, von einem Verein namens „Hicret“ noch nie etwas gehört zu haben.
Siehe: Thies, Heinrich „Da kocht so einiges hoch. Geplantes Islamisten-Zentrum in Niedersachsen läßt die Alarmglocken schrillen“ in: Die Zeit Hamburg 1998 (Ausgabe vom 8.1.) S.14
Die von Hüseyn Işık selbst im Interview 1995 angebotene Darstellung, man behalte solange den eigenen Vereinsnamen, bis Milli Görüş sich auch im Verbandnamen zum Islam bekenne, erscheint nicht allzu schlüssig, zumal diese Bedingung mit der Umbenennung von AMGT in „Islamische Gemeinschaft Milli Görüş (IGMG)“ erfüllt wurde.
Hellriegel Die türkischen Sportvereine in Hannover S. 75f
Zur Renaissance des Alevitentums siehe das Themenheft „Aleviliğin yeniden inşâsı“ der Birikim. Aylık sosyalist kültür dergisi vom August 1996 (Nr.88)
Güneş e.V. hat sich konsequenterweise auf dem Gelände von FAUST e.V. im Stadtteil Linden niedergelassen, da alle Mitgliedsvereine von FAUST qua Statut dem multikulturellen Gedanken verpflichtet sind.
Bemerkenswert ist im Falle des Club Istanbul nur, daß mit Raif und Ali Türk, sowie Mehmet Dağdelen drei stadtbekannte Persönlichkeiten (Ali Türk und Mehmet Dağdelen waren Mitglieder im AB) hier engagiert waren. Der Verein scheint jedoch wegen interner Querelen 1993 auseinandergefallen zu sein. Aus welchem Grund damals plötzlich zwei 20jährige den Vorstand übernahmen und den monatlichen Mitgliedsbeitrag auf stolze 120 Mark hochsetzten, ist unerklärlich. Auf Mahnungen des Vereinsregisters reagiert 1995 jedenfalls niemand mehr.
Siehe auch weiter oben im Text mit Fußnote 13
Im Interview (1996) erklärte der Vorsitzende, Abdullah Şahin, daß der Verein davon noch 250.000 Mark abzuzahlen hat.
Wie man sich solchen einen Friseurservice vorzustellen hat, findet man in folgendem Artikel sehr plastisch beschrieben, der allerdings vom Friseur der DİTİB-Moschee handelt: Topçu, Canan „Beim türkischen Friseur fallen wochentags die Späne“ in: Hannoversche Allgemeine Zeitung Hannover 1994 (Jg.46 Stadtteilzeitung Nord Ausgabe vom 24.2.)
Allerdings legt die Mitgliedschaft im Dachverband „Avrupa Türk Föderasyonu“ (ATF) , dem Nachfolger der ADÜTDF, diese Verbindung schon nah.
Im gleichen Haus ist auch der „Ayyıldız Sport-Club e.V.“ ansässig, der von der Mitgliedschaft her weitgehend mit der Familienunion identisch ist. Der türkische Begriff ay yıldız bedeutet Halbmond und Stern, meint also die türkische Fahne.
Die EATA-Satzung verhinderte z.B., daß man Räume in der Uni bekam, da bei EATA auch Nicht-Studenten Mitglied werden können. Die Universität verlangt jedoch von Vereinigungen, denen sie nach Registrierung kostenlose Nutzung von universitätseigenen Einrichtungen einräumt, daß sie ausschließlich studentische Mitglieder haben.
Um den Kontrast ermessen zu können, schaue man noch einmal zurück ins Jahr 1973, welche Veränderungen die Eintragung der fünf neuen Vereine jenes Jahres bewirkten.
Es handelt sich um das „Islamisches Zentrum für Kultur und Forschung e. V.“, dessen prominentestes Gründungsmitglied Cafer Yalnızyasar war, welcher 1990 bis 1992 einen Sitz im Ausländerbeirat innehatte. Aktivitäten des Vereins sind nicht bekannt, er wurde 1996 von Amts wegen gelöscht.
Gemeint ist das „Ernst-Korte-Haus“, ein Altenkulturzentrum der AWO in der Posthornstraße 27.
Siehe z.B.: ok „Nur ein fester Treffpunkt fehlt bisher noch. Neuer Kultur- und Kunstverein feierte Premiere“ in: Hannoversche Allgemeine Zeitung Hannover 1992 (Jg.44 Ausgabe vom 21.5.); gal „Mit Gewehr und Fladenbrot zieht die Mutter in den Kampf. Türkische Theatergruppe spielt Bert Brecht“ in: Hannoversche Allgemeine Zeitung Hannover 1993 (Jg.45 Stadtteilzeitung West Ausgabe vom 12.5.)
Seitdem geklärt ist, daß auch ein Unternehmerverband die Gemeinnützigkeit erhalten kann, strebt der Verein die Umbenennung in „Türkischer Unternehmerverband Hannover“ an.
Siehe auch die zahlreichen Veröffentlichungen von Prof. Faruk Şen, dessen Zentrum für Türkeistudien nicht müde wird zu verlautbaren, daß es zehntausende selbständige türkische Unternehmer in der BRD gibt, die einen enormen Beitrag zum Bruttosozialprodukt leisten. Dazu auch: Fußnote 80 auf S.38
Dies ist eine Schätzung, die sich vor allem auf Angaben des Türkisch-Deutschen Clubs stützt, der von 600 türkischstämmigen Selbständigen in Hannover ausgeht. Ahmet Güler, Mitgründer des Clubs, schätzt außerdem: „600 bis 700 leben in meinen gesellschaftlichen Kreisen und nehmen aktiv an gesellschaftlichen Ereignissen teil.“ (Interview mit Ahmet Güler vom 15.12.1995) Welche gesellschaftlichen Kreise Güler damit meint, kann man in folgendem Artikel nachvollziehen: Höfer, Petra „Kebab-Kapitalisten. Gestern noch ‚ganz unten‘ — heute im Chefsessel. Immer türkische Gastarbeiter wechseln die Seite: 33.000 sind inzwischen ihr eigener Unternehmer“ in: Zeitmagazin Hamburg 1992 (Jg.47 Ausgabe vom 28.8.) S.16-18
Hamamizade besitzt eine Motorenfabrik mit 500 Mitarbeitern in Istanbul, deren europäischen Vertrieb er von einem Büro in Hannover aus leitet. In den Ausländerbeirat wurde er als Kandidat der DİTİB-Moschee auf der Liste „Gemeinschaft der Mitte“ gewählt. Hamamizade ist außerdem als Vorsitzender der Generalvertretung Deutschland für Trabzon Spor, eine der wichtigsten Fußballmannschaften der Türkei, und bei Hür Türk Hannover aktiv.
Der Türkisch-Deutsche Club, bzw. sein Dachverband TİDAF, kümmert sich auch um sehr handfeste special interests seiner Mitglieder, wie beispielsweise das Recht auf die uneingeschränkte Nutzung von Fahrzeugen türkisch-deutscher Unternehmer in der Türkei, welches durch eine Gesetzesänderung in der Türkei erreicht werden soll.
zu deutsch: „Föderation der türkisch-deutschen Unternehmervereine in Deutschland“
Auch von anderen Gesprächspartnern wurde berichtet, daß die Arbeit im Club praktisch zum Erliegen gekommen sei und daß manche darüber nachdächten, einen eigenen Verein zu gründen.
Gewährleistung der kulturellen, sozialen, moralischen Entwicklung der türkischen und deutschen Gesellschaft in Hannover; Anmietung eines Vereinslokals; Kooperation mit deutschen und türkischen Seniorengemeinschaften; Förderung persönlicher Kontakte, um die verschiedenen kulturellen und religiösen Lebensarten einander näher zu bringen; Einrichtung eines Informationszentrums; Zusammenarbeit mit Medien.
Ali Türk, Mehmet Genç, Ahmet Kaynak und Yasar Yazarsoy wurden auf diesem Ticket gewählt.
Es handelt sich um den „Gümüşsü- und Umgebung-Förderverein e. V.“, der Entwicklunghilfe für die Menschen der Region Gümüşsü — diese Kreisstadt liegt in der Westtürkei, ungefähr in der Mitte zwischen Izmir und Konya — betreiben wollte. Offenbar ist es bei dem Vorsatz geblieben.
Laut Mustafa Kilit hat der Verein „von der deutschen Bundeswehr 50 Betten und Matratzen bekommen, ein Röntgengerät, eine Narkoseausstattung, sämtliche chirurgische Instrumente, Mikroskope usw.“
Der erste Vorsitzende Şeref Gedikli war bis 1991 auch bei Vahdet im Vorstand. Außerdem wirkt mit Haci Toklu ein Mann im BASH-Vorstand mit, der schon die beiden Sportvereine Vahdet und Hicret mitbegründet hat.
Siehe: Bolesch, Cornelia „Hakkı Keskin Erster Bundesvorsitzender der Türkischen Gemeinde“ in: Süddeutsche Zeitung München 1995 (Ausgabe vom 14.12.) S.4
Auf der Ebene der Dachverbände unterstützt die TİDAF auch die TGD mit Spenden. (Mündliche Information von Ahmet Güler)
Der ebenfalls per Brandbombe verübte Mordanschlag vom 23. November 1992 in Mölln, bei dem drei türkischstämmige Frauen ums Leben kamen, wird immer in einem Atemzug mit demjenigen von Solingen genannt.
Der früheste Pressebericht über Tüysüzoğlus soziales Engagement erschien bereits Anfang 1972. Siehe: mk „Der Türke Ziya Topal lehrt die jungen Türken boxen. Ein Landsmann kümmert sich um ihre Probleme“ in: Hannoversche Allgemeine Zeitung Hannover 1972 (Jg.24 Ausgabe vom 5.2.); der „Landsmann“ ist Necati Tüysüzoğlu.
Im Alevitischen Kulturverein hieß es etwa, man bilde mit dem Atatürk-Verein eine „Interessengemeinschaft“.
Beispielsweise durfte Verein auf dem großen Empfang, den der damals erst seit wenigen Wochen in Hannover amtierende Generalkonsul Mehmet Emre aus Anlaß des türkischen Nationalfeiertages am 29. Oktober 1995 (Tag der Republikgründung) im Hotel Maritim für etliche hunderte geladene Gäste gab, mittels Flugblattauslage für seine „Atatürk-Woche“ Werbung machen.
So der Vermerk vom 8. Mai 1995 in der Akte VR 6878 beim Vereinsregister Hannover. Der Autor der Notiz legte aber Wert darauf, daß es sich möglicherweise auch nur um eine Namensgleichheit handeln könnte.
Es ist allerdings auch möglich, daß der Verein durchaus aktiv ist, diese Aktivität sich aber mehr in der Zeit seit 1996 entfaltet hat, die in diesem Bericht nicht mehr abgedeckt wird.
Dies schlägt sich allerdings in der Satzung nicht nieder. Als Vereinszweck ist hier festgehalten: Förderung der (außer-)schulischen, kulturellen, beruflichen, sportlichen, musikalischen und folkloristischen Erziehung der türkischen Kinder und Jugendlichen in Hannover und Umgebung; Hilfe für die Annäherung und Freundschaft unter türkischen und deutschen Kindern und Eltern. Die Anbindung an eine Moschee wird nur in den Bestimmungen über den Verbleib des Restvermögens der Vereins im Falle einer Auflösung deutlich, weil hier der Trägerverein der Moschee als Anfallberechtigter genannt wird. (Siehe: Akte VR 6872 beim Vereinsregister Hannover)
Die Stadt Hannover bemüht sich u.a., geeignete Räume für den Verein zu finden, der gegenwärtig nur einen kleinen Raum im Obergeschoß der Moschee Fössestraße hat.
Mermertaş wurde sowohl in den ersten, als auch in den zweiten Ausländerbeirat gewählt.
Siehe: o.V. „Türk Mühendisler Birliği (TMB) kuruldu“ in: Arkadaş. Zeitung für eine multikulturelle Gesellschaft Hannover 1995 (Nr.25 Heft Juni) S.3
Da das Vereinsregister die Anmeldungsvorgänge erst dann öffentlich macht, wenn die Anmeldung durch Eintragung abgeschlossen wurde, ist es gut möglich und sogar sehr wahrscheinlich, daß weitere Vereine im Jahr 1996 gegründet wurden, uns aber bei den Recherchen in diesem Jahr nicht bekannt wurden.
Es darf als sicher gelten, daß weitere Nachforschungen noch mehr Vereine zum Vorschein bringen werden — sowohl solche, deren aktive Zeit weiter zurückliegt, als auch solche, die in den letzten Jahren neu hinzugekommen sind. Vor allem von einer systematischeren Auswertung der Lokalpresse, speziell der jeweiligen Stadtteilausgaben (die in der Mikroverfilmung fehlen), ist hier noch einiges zu erwarten. Leider sind die Ausschnittsarchive von HAZ und NP während der 70er Jahre nur sporadisch und während der 80er Jahre unvollständig geführt worden. Hier wäre eine sehr zeitaufwendige Vollerhebung notwendig.
Milli Görüş leistet sich wie bereits dargestellt den Luxus, mit drei Vereinen eine Moschee zu tragen. Den „Alevitischen Kulturverein“ rechne ich — in Übereinstimmung mit dem Selbstverständnis des Vereins — nicht zu den religiösen, sondern zu den Kulturvereinen. Nur am Rande sei noch bemerkt, daß noch zwei weitere muslimische Gruppierungen in Hannover Treffpunkte unterhalten (Ahmadiyya-Muslim-Gemeinde, Islamische Gemeinschaft „Maryam“), die jedoch beide von Türkischstämmigen kaum besucht werden.
Die Abweichung gegenüber den 1996 in einem Zwischenbericht veröffentlichten Zahlen (seinerzeit waren wir von 47 aktiven Vereinen ausgegangen), erklärt sich vor allem daraus, daß etliche der als „aktiv“ gezählten Vereine tatsächlich nur noch eine Schattenexistenz in den Akten des Vereinsregisters und nachfolgend im Adreßbuch der Stadt Hannover führen, was im Einzelfall erst durch hartnäckige Recherchen geklärt werden konnte.
Dieser Verein wurde 1994 aus dem Vereinsregister Hannover gelöscht, als Folge des vom Bundesinnenministerium verhängten Verbots der PKK (Partiya Karkerên Kurdistan i. e.: „Arbeiterpartei Kurdistans“) und aller ihr angegliederten Organisationen.