Max sein SciFi-Blog

Persönliche Anmerkungen zu Science Fiction, so ungefähr

An dieser Stelle führe ich ein Logbuch über SF-Romane, die ich gelesen habe. Punkt. Mehr passiert hier nicht. Es kann auch vorkommen, dass ich retrospektiv früher einmal gelesene Bücher noch einmal hervorkrame. Aktualität ist kein Muss. Eines nur vorweg: Ich verabscheue Perry Rhodan! Auch wenn ich – getreu der Devise: „Die größten Kritiker der Elche waren früher selber welche.“ – zugeben muss, als 14-Jähriger weit über hundert Rhodan-Heftchen gelesen zu haben. Bis ich dahinter kam, was Faschismus ist.

Hinweis am Rande:

Anregendes aus dem Netz: Ein sehr sympathischer Blog fantastischeantike.de und ein ganz gradliniger SF-Podcast schriftsonar.de. Der eigentlich wunderbar wuseliger Blog krearchiv.de wird seit 2019 nicht mehr gepflegt.

Übersicht
Diese Besprechungen oder Anmerkungen haben sich bislang angesammelt. Man kann sie chronologisch lesen oder mit Klick auf das entsprechende Cover direkt zum gewünschten Buch springen.

Der erste Satz (und der zweite)
„Die Leiche treibt auf dem Strom. Wo die neue Brücke den Gange in fünf Betonschritten überquert, sammeln sich Girlanden aus Zweigen und Plastik an den Pfeilern, Flöße aus Treibgut.“

2022-04-10
Geradezu widerwillig gestehe ich ein, dass das Buch ziemlich gut ist. Eigentlich hatte ich nach 400 Seiten die Lust verloren und schon einen Verriss geschrieben. Aber am Ende hat es mich gepackt und die letzten 200 Seiten habe ich in einem Stück verschlungen – auch wenn ich gestehen muss, dass ich immer wieder Absätze und halben Seiten übersprungen haben. Denn irgendwie ist das Buch in jeder Hinsicht zu viel: zu viel Seiten, zu viele Akteur*innen, zu viele Nebengeschichten, zu viele Grausamkeiten, zu viel Sex, zu viel Wortschwall. Aber es zieht einen mit und die Geschichte ist wild genug, um aufzufallen im Einerlei der ScienceFiction. Vom Clash zwischen Menschen und Maschinen (hier: Kaih) hat man schon oft gelesen. Bei McDonald bekommt dieser bekannte Plot einen spannenden neuen Twist: Die Konkurrenz ist ganz einseitig, nur die Menschen, nicht die Kaihs haben ein Problem. Die Andersartigkeit des digitalen Bewußtseins wird hier ernst genommen und nicht auf die Abwesenheit von Gefühlen reduziert. Held*innen gibt es kaum, der Autor geht mit seinen Figuren eher verschwenderisch um, die meisten sind am Ende tot oder seelisch zerstört. Ein Happy End gibt es nur für zwei Figuren, eine Frau und ein „Neut“, ein künstlich geschaffenes Drittes ohne Geschlecht. Dieser Neuts sind auch so eine interessante Idee, z.B. holen sie sich ihre Befriedigung direkt aus dem Gehirn ohne den Umweg über Sex. Leider wird die Idee des Jenseits der Bipolarität nur behauptet, aber kaum gefüllt. Denn, auch wenn sie zwar recht oft in der Handlung mitspielen, könnte man die Neuts doch ohne Verlust durch Transmenschen, Lesben/Schwule oder jede andere diskriminierte Minderheit ersetzen. Ein größeres Problem hatte ich mit der Geschwätzigkeit des Schreibstils. Ein Beispielsatz: „Im Herzen des Ganzen nistet der Chhatrapati Shivaji Terminus, ein Bezoar der viktorianischen Übersteigerung und Arroganz, nun vollständig überkuppelt mit Einkaufsvierteln und Geschäftsniederlassungen, wie eine Kröte, die von einer Kalksteinknolle umschlossen wird.“ Das wirkt auf mich überspannt und protzig, vor allem aber ist es ohne Belang für die Geschichte. Es ist halt ein Bahnhof, in dem zwei Protagonisten in einen Zug steigen. Ob sie das in einer Kröte, die von einer Kalksteinknolle umgeben ist, tun oder in einem Bahnhof voller Menschen auf der Durchreise, ist für die Geschichte unerheblich. Oder dieser Satz: „Goldene Menschen drehen sich, um zu schauen, ihre Kunda Khadars wie kleine Morde in den Händen.“ Während ich noch darüber nachsinne, wie man einen Cocktail namens Kunda Khadar halten muss, damit er wie ein kleiner Mord wirkt, ist der Autor längst wo anders. Denn weder die Leute in ihrer Goldenheit, noch ihre Getränke spielen in der Handlung eine Rolle. Aber es soll wohl ein Gefühl der Meisterlichkeit erzeugt werden, mit der der Autor die Worte zu Sätzen voller Magie zu verdichten vermag. Allerdings ist es overdone, zu viel, zu synthetisch, zu gewollt. Gleichzeitig füttert der Autor einen mit einer Unmenge von Details, die aber die Geschichte nicht greifbarer machen. An etlichen Stellen rudert man als Leser*in verloren in dem Wortgeklingel, ohne Klarheit über die Basics der Handlung gewinnen zu können. Basics heißt: Wer schießt hier gerade warum auf wen? Wenn dann auch noch der Erzählfluss immer so dicht an der jeweiligen Hauptfigur des Kapitels klebt, als wäre man in einem Film ausschließlich in close ups unterwegs, verliert man mehr als einmal den Faden. Aber ich kann soviel nörgeln, wie ich will: Dieses Buch trommelt einen gewaltigen und lauten Beat, es lässt einen gewiss nicht kalt. Die Ideen, die darin stecken, hätten locker für zwei Bücher gereicht, was vielleicht erklärt, warum nicht alles wirklich ausgeschöpft werden konnte. Und wäre McDonald ohne die fiesen gewaltgeilen Szenen ausgekommen (Tötungen, Kriegsgemetzel, Folter) und wären seine sexuellen Darstellungen etwas weniger effekthascherisch angelegt, hätte ich noch mehr Sterne vergeben wollen.

Ian McDonald
Cyberabad

München 2012


gut zu lesen

Buchcover

© Heyne Verlag

Paperback (11 €)
786 Seiten
ISBN 978-3-453-52973-1

Der erste Satz (und der zweite)
„Ich sprang über das graue, staubige Gelände zur riesigen Wölbung der Conrad-Blase. Die von roten Lichtern eingerahmte Luftschleuse war beunruhigend weit weg.“

2022-04-05
Im Postscript schreibt Weir, die größte Herausforderung sei es für ihn gewesen, aus der Perspektive einer weiblichen Hauptfigur zu schreiben. Nice try, but failed. Unfreiwillig bringt es eine Nebenfigur, ein Computerspezialist und Nerd, auf den Punkt, als er über Jazz, die Hauptfigur, sagt, „Jetzt habe ich einen Freund mit Titten.“ Das soll natürlich vor allem seine totale soziale Inkompetenz und Nerdigkeit unterstreichen, tatsächlich jedoch ist Jazz ein Kerl, dem der allmächtige Erzähler besagte sekundären Geschlechtsmerkmale mitgegeben hat, aber sonst nichts, was die Person als Frau fassbar macht. Als Jazz einer 16-Jährigen gegenüber steht, die soeben ihren schwer reichen Vater durch Mord verloren hat und am Boden zerstört ist, nimmt sie diese nicht etwa in den Arm, sondern passt – mit einem Schweizer Taschenmesser! – das Armband der unfassbar teuren Patek-Uhr des ermordeten Vaters auf das Handgelenk des Teenagers an, damit sie sie tragen kann. Rührende Geste – für einen Kerl, der seinen Gefühlen nicht anders Ausdruck geben kann. Aber da Weir ohnehin keinen gesteigerten Wert auf Charakterentwicklung legt, sondern erfolgreich die Vorlage für den nächsten Hollywood Blockbuster geschrieben hat, spielt dieses Unvermögen, sich in etwas anderes hineinzuversetzen als einen erwachsenen Mann, keine große Rolle. Es schmälert auch nicht wirklich das Lesevergnügen – ich habe phasenweise vor Spannung die Luft angehalten. Aktion kann Weir. Mit Dingen wie einem Gesellschaftsentwurf hält er sich allerdings nicht auf, alles ist wieder immer, man arbeitet gegen Geld, Männer und Frauen sind heterosexuell und bilden Kleinfamilien. Computer bedient man mit einer Tastatur. Aber selbst so simple Fragen wie, warum es auf dem Mond nur eine Siedlung gibt, wie die vielen Tourist*innen eigentlich dorthinkommen, ob es eine permanente Raumstation in der Mondumlaufbahn gibt oder mit welcher Technik die Raumreise von der Erde zum Mond vonstatten geht, das alles bleibt unbeantwortet. Durch einen zweiten Erzählstrang, der sich in Form eines eMail-Austausches zwischen Jazz und einem gleichaltrigen Brieffreund auf der Erde über die Jahre entspannt, erfährt man wenigstens ein paar Details – aber nicht einmal in welchem Jahrzehnt das alles spielen soll, wird klar. Fie einzige nennenswerte Setzung, die der Autor macht, ist, dass es keine Staatlichkeit auf dem Mond gibt, sondern ein kenianischer Konzern alles bestimmt. Nationalitäten spielen keine Rolle, wohl aber ethnische Zuordnungen, denn die Gewerke in der einen Mond-Stadt Artemis sind jeweils von einer Ethnie monopolisiert. Die Schweißer*innen sind arabischer Herkunft, die Frischluft-Techniker*innen sind vietnamesisch usw. (Die Idee ist bei Robinsons "Roter Mars" geklaut.) Und wo nicht die Ethnie entscheidet, da treten die Gilden an ihre Stelle. So z.B. beim begehrten Job der EVA-Meister. EVA steht für Außenbord-Einsatz und meint hier Vakuum-Ausflüge auf der Mondoberfläche. Die Gildenmeister (von Meisterinnen ist keine Rede) entscheiden, wer diesen höchst einträglichen Job ausüben darf und halten den Kreis künstlich klein. Jazz die Heldin, ist eine Rebellin, aber nicht so sehr, weil sie das System umstürzen will, sondern weil sie die Konflikte mit ihrem Vater nicht geregelt bekommt. Sie hält sich mit Schmuggel von Rauchwaren (Rauchen ist wegen der Feuergefahr verboten auf dem Mond, wo man noch nie von Verdampfern gehört hat) über Wasser. Das macht sie zu einer der überraschend wenigen Kriminellen auf dem Mond und bringt ihr das Angebot zu einem ganz großen Job ein. Aber sie versaut‘s und plötzlich ist ihr Auftraggeber tot. Da wird‘s dann richtig spannend und zieht einen für 100 Seiten voll in den Bann. Gegen Ende flaut es ab, die unvermeidliche Vater-Tochter-Aussöhnung (sorry – Austöchterung gibt es nicht) hat eher Enid Blyton-Niveau.
Alles in allem ein angenehm zu lesendes Buch, bei dem man sich meistens gut unterhält. Einzig wirklich nerven (und das kostet einen halben Stern) tut die aufgesetzte Zotigkeit. Im Text wimmelt es von sexuell aufgeladenen Anspielungen, während die tatsächliche Handlung komplett asexuell bleibt – eine schwer erträgliche US-amerikanische Marotte.

Andy Weir
Artemis

München 2018


größtenteils gut zu lesen

Buchcover

© Heyne Verlag

Paperback (15 €)
418 Seiten
ISBN 978-3-453-27167-8

Der erste Satz (und der zweite)
“Nine months Landman‘s been flopping at the Hotel Zamenhof without any of his fellow residents managing to get themselves murdered. Now someone has put a bullet in the brain of the occupant of 208, a yid who was calling himself Emanuel Lasker.”

2022-01-31
Mir wurde gesagt, ich solle doch mal über Bücher schreiben, die ich wirklich empfehlen könne, und nicht nur mittelmäßiges Zeug verreißen. Okay, hier ist ein Meisterwerk, das seine Geschichte auf 411 extrem klein gedruckten Taschenbuch-Seiten wirklich komplett von vorn bis hinten erzählt und keine Wünsche offen lässt. Und – es tut mir leid – es ist auf Englisch, aber was für ein Englisch! Denn es handelt sich um eine alternative time stream Geschichte (oder: altered reality story). Die Gründung des Staats Israel ist gescheitert, die Überlebenden des Holocausts sind in Alaska gestrandet und haben einen autonomen Distrikt zugestanden bekommen, dessen Autonomie allerdings nach 60 Jahren ausläuft – genau zur Erzählzeit. Das Englisch der Story ist also eines, das den jiddischen Slang des fiktiven Distrikts Sikta aufgesogen hat, Chabon hat den Slang gleich mit erfunden. Es wimmelt vor macher, maven und shlosser, man telefoniert mit einem shoyfer und isst kreplach. (Ein heißer Dank an den Zusammensteller des Glossars im Anhang!) Aber die meiste Zeit hat man es mit latkes (Bullen) zu tun. Denn der Held ist ein kaputter Bulle, schon wieder, geschieden, versoffen, früher mal brillant, jetzt nur noch selbstmitleidig, haust in einer versifften Absteige, trauert seiner Ehefrau hinterher. Würde Landsman (der Held hat keinen Vornamen, nur seine Ex-Frau nennt ihn anders als Landsman) in einem Hollywood-Film mitspielen, wäre es ein Remake von The Long Goodbye von Robert Altman mit Elliott Gould in der Rolle des versoffenen Philip Marlowe.
Und er klärt den Mord in Zimmer 208 von Hotel Zamenhof auf, steckt dabei ohne Ende Prügel ein, keine Frage, das gehört nun mal zum film noir dazu. Blöd nur, dass seine Ex auf die letzten Tage der autonomen jiddischen Polizeiarbeit plötzlich als seine Chefin wieder auftaucht. Und am Ende gibt es einen Hauch von Hoffnungsschimmer – nicht für Sikta (“there was no Messiah for Sikta”) –, aber vielleicht für den Helden. Doch seine Ex sorgt schon dafür, dass Landsmans Bäume nicht in den Himmel wachsen!

Postscriptum: Während ich hier dieser Rezension schreibe, stelle ich doch tatsächlich fest, dass es seit 2008 eine deutsche Übersetzung gibt! Die ganze Quälerei mit diesem irren Englisch war völlig unnötig. Okay: Lest Die Vereinigung jiddischer Polizisten (gibt es antiquarisch als dtv-Taschenbuch (ISBN 978-3423137935) oder aktuell als KiWi-Taschenbuch (ISBN 978-3462052381) für 12 €)

Michael Chabon
The Yiddish
Policemen's Union

New York 2007


einfach nur gut

Buchcover

© HarperCollins Publishers

Paperback (8 $)
411 Seiten
ISBN 978-0-06-149360-7

Der erste Satz (und der zweite)
„Sancia Grado lag mit dem Gesicht im Schlamm, eingezwängt unter der Holzempore an der alten Steinwand, und gestand sich ein, dass der Abend nicht so gut verlief wie erhofft. Dabei hatte er ganz annehmbar begonnen.“

2022-01-12
Manche Fantasy-Romane lassen sich im Grunde nicht von Science Fiction unterscheiden, denn ob ein Gegner nun mit Magie in Klumpen gehackt wird oder mit einem Disruptor ist völlig egal, in beiden Fällen muss man glauben, dass diese oder jene Technikanwendung den Fiesling ins Jenseits befördert. Wenn man ehrlich ist, ist das Hochbeamen auf die Enterprise nicht wirklich von Magie oder Superhelden-Teleportation zu unterscheiden. Dieses Buch habe ich jedenfalls gern gelesen, denn Bennett kann wirklich fabulieren. Er spinnt hier eine actionreiche Geschichte aus, die von der Struktur her der Quest eines Computerspiels ähnelt, will heißen: Die Heldin muss sich einer abenteuerlichen Expedition nach der anderen stellen. Wer auf ein Liebesabenteuer als Sahnehäubchen hofft, wird enttäuscht – nicht mehr als ein Kuss wird Sancia zugestanden. Immerhin ist überraschend, wen sie küsst, das sieht man nicht sofort kommen. Denn zunächst folgt der Plot dem bekannten Skript des odd couples, das sich mehrfach zoffen muss, bis die beiden kapieren, dass sie nur gemeinsam voran kommen. Dann jedoch übernimmt im zweiten Drittel des Romans eine andere Person diese Rolle, wobei die „Person“ praktisch nur als Stimme in Sancias Geist auftaucht. Aber auch diese Konstellation – Sancia im Team mit einem mächtigen, aber etwas gehandicapten Geist – bleibt nicht bestehen. Der Roman verläuft also nicht in völlig vorhersehbaren Bahnen, was mir gut gefallen hat. Die Magie wird in der Geschichte höchst nüchtern angegangen – es ist halt eine alternative Technik, mit etwas ungewohnten Spielregeln, aber am Ende bloß eine Technik, die Dinge erledigt zu bekommen. Ansonsten ist die Welt des Roman mittelalterlich, es überwiegt Handwerk, es gibt keine Elektrizität, kein Schießpulver, keine Dampfmaschine, wohl aber Geld, Gerichte und eine Polizei. Auf den Gesellschaftsentwurf hat Bennett nicht viel Energie verwendet, es ist eine Art Handelsfeudalismus. Die Aristokratie beruht auf Wirtschaftsmacht – allerdings abgerundet mit Militärschlagkraft, Geheimpolizei, Auftragskillern und anderen außerökonomischen Mitteln, also eher das Modell Venedig. Religion gibt es nicht, im Grunde ist es eine Machiavelli-Fantasie unbelastet von der katholischen Kirche. Die Heldin Sancia ist eine entlaufene Sklavin, die dank eines außergewöhnlichen Talents eine sehr erfolgreiche Auftragsdiebin ist, aber trotzdem weiterhin in Elend und Not ohne jede Solidarität lebt. Ihr Talent erlaubt es ihr, aus jedem Gegenstand, den sie berührt, Informationen über seine Geschichte und Beschaffenheit zu ziehen, denn die Dingwelt ist in diesem Roman beseelt. Der Preis dafür ist, dass sie keine Menschen berühren und schon gar kein Fleisch essen kann, weil sie dann ungefragt die Schlachtung und Ausweidung des Tiers miterleben muss. Die Story spielt ihr ein machtvolles Artefakt in die Hände, das alle, aber auch wirklich alle haben wollen. Also wird sie pausenlos gejagt. Im ersten Drittel kämpft sie eigentlich ununterbrochen gegen eine Überzahl von Häschern. Zusammen mit ihrem odd-couple-Partner, einem sensiblen Massenmörder, massakriert sie mal fünf, mal acht, mal neun Angreifer auf ein Mal. Aber bevor das zu eintönig wird, beginnt ein neue Phase der von langer Hand vorbereiteten Expeditionen ins Feindesland, eine Art Ocean‘s Eleven im Mittelalter – meiner Ansicht nach der gelungenste Teil des Romans. Im letzten Drittel entfaltet sich dann eher eine Fantasy-Erlöser-Geschichte: Sancia wachsen in der tiefsten Not Superkräfte zu und zugleich offenbaren sich nicht-menschliche Super-Gegner*innen. Dass ihr am Ende der bestandenen Schlacht vom Autor nicht ein einziger intimer Moment mit der geliebten Person zugestanden wird, zeigt, dass ihn menschliche Beziehungen nur auf der Freund/Feind-Ebene im Kampfgeschehen interessieren. Aber das mag auch dem Genre geschuldet sein, Frodo durfte seinen getreuen Gefährten Sam schließlich auch nie küssen. Sancia ist jedenfalls eine sympathische Heldin, mit der man über weite Teile des Buchs gern mitfiebert. Allerdings erfährt man kaum etwas über sie, außer dass sie klein, drahtig und abgehärmt ist, recht eigentlich bleibt sie erzählerisch ein Neutrum, was ihre plötzliche emotionale Aufwallung für eine andere Person kaum nachvollziehbar macht. Trotzdem ein schönes Buch, das keinen Band 2 gebraucht hätte.

Postscriptum: Ist der Widerspruch jemandem aufgefallen? Wie kann sie jemanden küssen, wenn sie Menschen nicht berühren kann? Tja, was ist da wohl passiert? Soviel sei verraten: Die Macht der Liebe war es nicht.

Robert Jackson Bennett
Der Schlüssel der Magie – Die Diebin

München 2020


gut zu lesen

Buchcover

© Blanvalet

Paperback (15 €)
608 Seiten
ISBN 978-3-7341-6266-4

Der erste Satz (und der zweite)
„Barry Sutton hält in der Feuerwehrzufahrt am Haupteingang der Poe Buildings. Einem Art-déco-Hochhaus, das im Schein der Fassadenbeleuchtung weiß strahlt.“

2021-12-28
Ein lesenswertes Buch – auch wenn die PR-Genies des Goldmann Verlages sich offenbar nicht die Mühe gemacht haben, das Werk ganz zu lesen, bevor sie sich für den Titel „Gestohlene Erinnerungen“ entschieden. Das englische Original „Recursion“ ist – wieder mal – viel treffender. Der deutsche Titel weckt Assoziationen zum Film „Total Recall“ und liegt damit völlig falsch. Wer hingegen die „Leere“-Reihe von Peter Hamilton gelesen hat, wird mit der Rekursion viel anfangen können, denn Rekursionen waren die Wunderwaffe des Helden Edeard… Aber ich möchte nicht zu viel spoilern. Der Roman ist in fünf Bücher gegliedert und diese Unterteilungen machen tatsächlich Sinn, folgt doch jedes dieser Bücher eigentlich einem eigenen Plot. Die Geschichte nimmt jedes Mal eine völlig unerwartete Wendung, ändert dadurch komplett ihren Charakter und auch den Erzählstil. Buch 1 und 2 wechseln ständig zwischen den Erzählsträngen der beiden Held*innen Barry und Helena hin und her. Ab Buch 3 hingegen agieren die beiden zusammen und erleben eine klassische „Quest“ – eine Festung muss eingenommen werden und der Untergang der Welt verhindert werden, den ein übler Schurke herbeiführen wird, wenn sie ihn nicht aufhalten. Sie halten ihn auf und die Geschichte kippt in die nächste Ebene, der eine Held fliegt einfach aus der Geschichte und der Untergang der Welt kommt plötzlich aus ganz anderen Ecken. Das liest sich gut und ich liebe es, wenn ich nicht schon auf Seite 80 sagen kann, was im letzten Kapitel geschehen wird und wer wen küsst. Die Liebesgeschichte bleibt zwar etwas unterkühlt und blass, funktioniert aber doch ganz gut als Movens der Story – zumindest über weite Strecken. Gestohlen werden in diesem Roman tatsächlich keine Erinnerungen, im Gegenteil: Menschen erhalten ungefragt zusätzliche Erinnerungen an Leben, die sie nie gelebt haben, Tode, die sie nicht gestorben sind, Ehepartner, die sie nie geheiratet haben. Und das treibt sie in den Wahnsinn, manche in den Selbstmord. Was die Ursache für diese „falschen“ Erinnerungen ist, ist schon nach 100 Seiten gelöst – aber da geht der Ärger erst richtig los. Richtig schön ist, dass keine Fortsetzung angekündigt ist. Mit 418 Seiten ist die Geschichte erzählt und fertig, bravo!

Blake Crouch
Gestohlene Erinnerungen

München 2020


größtenteils gut zu lesen

Buchcover

© Goldmann Verlag

Paperback (15 €)
418 Seiten
ISBN 978-3-442-20601-8

Der erste Satz (und der zweite)
„The war had begun long before we arrived because war was their way of life. It took its first victims among us before we understood what was happening, on an evening that seemed quite.“

2021-05-23
Beinah hätte ich wirklich was verpasst, denn nach den ersten zwanzig Seiten habe ich das Buch erst mal für Wochen zur Seite gelegt, weil der Einstieg mich nicht ansprach. Dabei ist das hier endlich mal ein Buch, das die ekstatischen Lobeshymnen, mit denen es rezensiert wurde, wirklich verdient hat! Es ist die Geschichte einer Besiedlung eines fernen Planeten – aber nicht Terraforming, sondern die Anpassung der Neuankömmlinge an die Gegebenheiten ist das große Thema. Es sind erstaunlich wenige, nur 50 Auserwählte sollen den neuen Planeten Pax besiedeln, nachdem die Erde ungastlich geworden ist. Technik spielt kaum ernsthaft eine Rolle, wie das Raumschiff von A (Erde) nach B (Pax) kommt, interessiert nicht – die Protagonist*innen sind da und müssen sich gewaltig anstrengen, um nicht im ersten Jahr gleich alle zu verrecken. Technik ist nur insofern von Bedeutung, als sie versagt und ausfällt. Die Geschichte, wie die Siedler*innen auf ein mittelalterliches Niveau zurückfallen, wird von Burke im Zeitraffer erzählt, schon nach 75 Seiten sind wir in der dritten Siedlergeneration. Und gerade als ich glaubte, das Erzählschema überdeutlich durchscheinen zu sehen – alle 30 Seiten wechselt die Hauptperson und wir sind eine Generation weiter –, was etwas langweilig erscheint, weil damit die durchaus reale Möglichkeit des Scheiterns ausgeschlossen wird, wechselt das Tempo radikal und die restlichen 200 Seiten entfalten genau zwei Jahre im Detail. Das ist mal eine coole Wendung! Tatsächlich ist auch sonst fast nichts an der Geschichte vorhersehbar. Es gibt keine zwei Personen, die ein Paar werden müssen, es gibt kein Happy End der Art „und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage“. Nein, es geht darum, ob die dominante Spezies auf Pax und die Eingewanderten zusammenkommen können und etwas ganz Neues entwickeln. Dass die Fantasie eines gewaltfreien Neuanfangs auf Pax „im Einklang mit der Natur“ nach dem endlosen Elend und Krieg auf der Erde nicht funktioniert, ist schon nach dem ersten Kapitel klar. Auf Pax geht es mindestens so gewalttätig zu wie auf Erden, nur sind die Akteure andere. Hier spielen die Pflanzen die erste Geige und das Ringen der Menschen mit den Pflanzen um Vorherrschaft ist spannend mitanzusehen. Aber dann taucht noch eine weitere Spezies auf – Insektenartige, ebenfalls Siedler von den Sternen. Von da ab wird es unübersichtlich und ziemlich gewalttätig, vor allem aber spannend, manche Kapitel habe ich mit angehaltenem Atem verschlungen. Das ist große Klasse! Wenn es etwas zu meckern gibt, dann sind es die Genderstereotype. Zwar wimmelt es bei Burke vor weiblichen Alphatieren, alle wichtigen Figuren sind weiblich. Und doch bleiben die Schemata von weiblich = emotional und sozial kompetent / männlich = emotional behindert aber stark und auf Unabhängigkeit gepolt, unangetastet. Die einzige gesellschaftliche Neuerfindung, die Burke einführt, sind die Generationenverbände, sodass in der zweiten Hälfte des Romans weniger Eltern und Kinder einander gegenüber stehen als homogene Generationen, die zudem eindeutige äußere Merkmale als Erkennungszeichen tragen. Die fünfte Generation färbt die Haare grün, die siebte trägt grelle Gesichtsbemalung usw. Sie agieren wie politische Fraktionen – aber wie das mit dem Fortbestehen der traditionellen Kleinfamilie, die nirgends im Buch in Frage gestellt wird (alle sind heterosexuell), zusammengehen soll, bleibt unerklärt. Der Roman ist gleichwohl herausragend gut, indem er Konturen eines Interspezies-Gesellschaftsvertrag erahnen lässt. Und das Fremde beibt fremd, auch wenn Kooperation erlernt werden kann. Kurz: Wer einen ScienceFiction-Roman lesen will, in dem nicht ein Laser abgefeuert wird, nicht ein Neutronen-Torpedo scharf gemacht werden muss und die Hüllenintegrität niemanden kümmern muss, der oder die wird hier reich belohnt.

Sue Burke
Semiosis

London 2018


ausgezeichnete Lektüre

Buchcover

© Harper Collins Publishers

Paperback (10 £)
in Englisch
325 Seiten
ISBN 978-0-00-830077-7

Der erste Satz (und der zweite)
„Die fünf kleinen Schiffe kamen aus dem Schatten und erschienen mit der Plötzlichkeit von ins Sonnenlicht geworfenen Münzen. Die Scheiben ihrer Drehflügel flirrten wie Hitze in der Luft, und kurzlebige Regenbögen wölbten sich über Bewegungsprismen.“

2021-04-17
Eine schlichte Militär-ScienceFiction-Geschichte: Ein gebrochener Held, vom obersten Befehlshaber – dem unsterblichen Kaiser – verraten, kämpft sich gegen alle Wahrscheinlichkeit gegen vielfach überlegene Feinde durch. Als Gesellschaftsentwurf blutarm, die vage kapitalistische Zukunftsgesellschaft ist durch den Sieg über den Tod gespalten, in die, die ewig leben, und jene, die weiterhin sterben müssen. Wobei das ewige Leben sich seltsam unattraktiv anhört, nicht zufällig heißen die Supporter der lebenden Toten die „Grauen“. Denn zum einen muss man erst einmal sterben, um ewig zu leben und dann verläuft das neue „graue“ Leben in eher überschaubaren Bahnen, in denen Lust, Freude und Sinnlichkeit wenig Platz hat. Es gibt eine fadenscheinige Kritik am Luxus der Reichen und der Armut der Armen (arme Menschen haben keine Rolle im Plot), aber das geht kaum die Formel „gerecht ist das nicht“ hinaus. Mit großer Freude am Detail werden hingegen technische Vorgänge, insbesondere militärische Auseinandersetzungen in extenso geschildert. Die einzige Überraschung ist, dass es keine Überlichtgeschwindigkeit gibt, Lichtjahre zu überwinden, dauert eben Jahre. Aber es gibt translicht-Kommunikation – hier gibt sich der Autor allerdings wortkarg, wie das funktionieren soll, das muss man eben als gegeben akzeptieren. Die Erzählform ist standardisiert – man wechselt mit jedem Kapitel von einer Protagonistin zum anderen. Und es gibt eine zweite Zeitebene – zehn Jahre vor dem Haupthandlungsstrang. Aber auch hier finden sich dieselben Akteur*innen wieder, damit man auf keinen Fall verwirrt wird. Schön ist allerdings, dass auch die Gegenseite, die finsteren Rix, mit zwei Akteurinnen vertreten sind, und man die Schachzüge beider Seiten auf einander zulaufen sieht. Sehr früh wird klar, dass der Kaiser ein falsches Spiel spielt, er hat ein Geheimnis, das unter keinen Umständen offenbar werden darf – und ebenso klar ist, dass der Held es kurz vor Ende der 827 Seiten offenbaren wird. Ihm ist eine Liebesgeschichte gegönnt, die sogar in gewisser Weise Movens der Handlung ist, denn der Held will gar nicht heldisch sein, sondern nur zurück zu seiner Geliebten, deshalb muss er halt Monster-Mega-Kampfschiffe der Gegner mit Hilfe von Weltraummüll, Büroklammern und Klebeband ausschalten, übelste Verschwörungen überleben und sich mit den philosophische Grundprobleme des Lebens und des Todes rumschlagen usw. Der Autor nimmt diese Seite seiner Story selbst nicht sonderlich ernst, sie gibt ihm einfach nur Gelegenheit, auf immer neue Weise wüsteste Weltraumgefechte zu entfalten, daran hat er offenkundig den meisten Spaß. Glücklicherweise gibt es noch eine zweite Liebesgeschichte, die viel überzeugender ist: die eine überlebende Rix-Kämpferin des Kamikaze-Angriffs auf das Reich des Kaisers, mit dem der Roman beginnt, nimmt eine einfache Soldatin als Geisel und die beiden verlieben sich. Was schwierig genug vorzustellen ist, weil die Rix übermenschlich starke Cyborgs nach Art der Borgs sind, die ähnlich emotional kompetent sind wie Seven of Nine nach zehn Jahren Resozialisation an Bord der Voyager. Und trotzdem lässt man sich viel lieber auf diese Amour fou ein als auf das elegische Liebesgeplänkel des schwermütigen Helden mit seiner telepathischen Senatorin, zumal die Rix-Frau h_rd und ihre geliebte Geisel Rana zusammen richtig was erleben, getrennt werden, wieder zusammenkommen, sterben, wiederauferstehen und all das, was man so tut, wenn man schwer verliebt ist, während Held und Heldin gerade mal drei Nachrichten über einen Abgrund von Dutzend Lichtjahren austauschen dürfen. Alles in allem: abschnittsweise echte Pageturner-Qualität, vor allem die spannend beschriebenen Weltraumgefechte, die auf Dauer allerdings etwas ermüden. Und natürlich erweist sich am Ende, dass geplant war, noch ein, zwei Folgebände zu schreiben. Also endet das Buch mit einem Kliffhänger. Nur hat der Autor offenbar vergessen, den nächsten Band zu schreiben. Das könnte man unbefriedigend finden, mich hat es nicht gestört. Ach ja, es gibt natürlich auch eine allmächtige Künstliche Intelligenz, wie konnte ich das vergessen, ohne KI kam selbst 2006 schon kein SF-Roman mehr aus.

weiter zu den älteren Einträgen

Scott David Westerfeld
Weltensturm

München 2006


größtenteils gut zu lesen

Buchcover

© Heyne Verlag

Paperback (nur noch antiquarisch)
827 Seiten
ISBN 978-3-453-52507-8